Seefestspiele Mörbisch: Eine bezaubernde „Fledermaus“

Harald Serafin verabschiedet sich nach 20 Jahren als Intendant mit der Johann-Strauß-Operette: Ein Ereignis, spielerisch und musikalisch.

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(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Wer je versucht hat, „Die Fledermaus“ in der Badewanne zu trällern, weiß, dass hier Schlager und hoch anspruchsvolle Gesangsliteratur eng verschwistert sind. Zwischen der heimlichen Wiener Hymne „Glücklich ist, wer vergisst“ und dem Loblied auf Ungarn, „Klänge der Heimat“, liegen Welten. Für dieses Juwel braucht man Spitzeninterpreten, die sich auch noch auf spritziges Spiel verstehen.

Ein prächtiges Ensemble erweist Harald Serafin, der sich nach 20 Jahren als Chef von den Seefestspielen Mörbisch verabschiedet, seine Reverenz – und harrte bei der Premiere am Donnerstag ebenso wie das Publikum tapfer im Schnürlregen aus. Die neue Intendantin, Dagmar Schellenberger, wird es schwerhaben, mit dem Unterhaltungswert von „Mr. Wunderbar“ Serafin mitzuhalten. Allein seine Begrüßungen sind eine Show.

Helmut Lohner hat die heurige Mörbischer „Fledermaus“ inszeniert. Als Gefängnisdiener „Frosch“ nimmt er überdies amüsant die politische Lage zwischen „KHG“ und dem Euro-Rettungsschirm aufs Korn. Während der Ouvertüre wird pantomimisch die Vorgeschichte erzählt: Die Karnevalsgesellschaft findet am Denkmal des Brückenhüters Nepomuk den betrunkenen Notar Falke in venezianischer Maske und mit Domino. Nepomuk war jener Heilige, der sterben musste, weil er das Beichtgeheimnis wahrte und seinem König nicht verriet, ob seine Frau ihn betrogen hatte. Betrug ist auch das Salz der „Fledermaus“ (1874). So groß und breit das Ausstattungstheater (Bühne, Kostüme: Amra Bergman-Buchbinder) auf der Mörbischer Seebühne ist, man denkt diesmal mehr als sonst an Schnitzler, der die Operette sicher kannte und die lüsterne Dekadenz des Fin de Siècle in seinen bereits in der Moderne wurzelnden Werken „Reigen“ und „Traumnovelle“ widerspiegelt.

 

Herrlich: Fally, Reinprecht, Lippert

Auch Freud klingt in der „Fledermaus“, die wie oft Nestroy-Possen auf einer französischen Komödie basiert, an: Ein Ehemann verliebt sich auf der Pirsch statt in herzige „Ballettratten“ in seine eigene Frau, die sich hinter einer Maske verbirgt. Von der Vorstadt am Beginn, wo ein Fledermaus-Graffiti mit Herz die Bühne ziert, geht es in den Salon von Eisenstein.

Herbert Lippert ist ein wunderbar altmodischer Grandseigneur, der – gewöhnt daran, von seinen Damen rundum versorgt zu werden, und nicht nur mit Mehlspeisen – beim Prinzen Orlofsky prickelnde Abwechslung sucht. Im Trio Adele (Daniela Fally), Rosalinde (Alexandra Reinprecht) und Eisenstein bleiben weder spielerisch noch musikalisch Wünsche offen. Nicht so ganz gilt das für den Verführer Alfred von Angus Wood. Der Australier sieht aus wie ein Latin Lover und muss außer seinen Arien jede Menge Spitzentöne aus der Opernliteratur hervorbringen. Das mag im Sinne der Virtuosenkunststücke, die, auf den Spuren des „Teufelsgeigers“ Paganini, zur Strauß-Zeit beliebt waren, eine stimmige Idee sein, führt aber teilweise zu schrägen Tönen, von denen man nicht weiß, ob sie beabsichtigt oder unfreiwillig komisch sind.

Interessant: Zoryana Kushplers Prinz Orlofsky, der heitere Sprichwörter der Völker Russlands zum Besten gibt. Kushpler fusioniert elegant einen Oligarchen von heute mit einem Aristokraten aus dem Zarenreich, vielleicht ist der Unterschied gar nicht so groß. Die aufwendigen Szenen mit Ballett und Chor sind tadellos einstudiert. Dirigent Manfred Mayerhofer hält das Spektakel straff zusammen. Daniel Serafin gibt einen munter jugendlichen Dr.Falke, sein Vater den Gefängnisdirektor: Wie der Senior leichtfüßig über die vom Regen glatte Bühne tänzelt, das Champagnerglas schwenkt, Damen ins Dekolleté späht, das weckt Erinnerungen an Serafins legendären Danilo: Gibt es noch Künstler, die mit schlawinerischen Kavalieren derart auf „Duidu“ sind?

Es könnte jetzt leicht vermutet werden, dass eine Hymne zum Abschluss dieser langen und erfolgreichen Intendanz sozusagen „angesagt“ gewesen ist. So ist es nicht. Diese „Fledermaus“ ist von A bis Z ein hinreißendes Kunststück milde und klug modernisierter wienerischer Operettenkultur, wie man es selten zu sehen bekommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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