„Es werde Licht“: Auf Alexander Pereiras Geheiß geht den nach vorne und hinten verlängerten Salzburger Festspielen erstmals eine Konzertserie namens „Ouverture spirituelle“ mit geistlicher Musik voran, die auch Sakralbauten wie Dom, Kollegienkirche und St. Peter als Veranstaltungsorte nützt und jeweils die christliche Tradition mit jener einer anderen Weltreligion konfrontiert. In diesem Jahr ist das Judentum an der Reihe: Neben etlichen Mozart-Messen (etwa unter Claudio Abbado und Nikolaus Harnoncourt), Schubert oder Bruckner stehen also mit Israel Philharmonic unter Zubin Mehta sowie Solisten wie Thomas Hampson u.a. Werke von Ernest Bloch („Avodath Hakodesh“) oder dem 1935 in Tel Aviv geborenen Noam Sheriff („Mechaye Hametim“), aber auch Mahlers „Kindertotenlieder“ auf dem Programm.
Zum Auftakt jedoch schien es nur würdig und recht, Joseph Haydns „Schöpfung“ anzusetzen, in der sich jüdischer und christlicher Mythos vereinen. Im zweisprachigen Libretto (statt der ursprünglich avisierten englischen erklang nun doch die deutsche Fassung) erfüllte Gottfried van Swieten freilich mit Absicht weniger die theologischen Anforderungen der katholischen Doktrin, sondern betrachtete die Schöpfungsgeschichte aus dem Blickwinkel eines liberalen, aufgeklärten Absolutismus. Daher wurden seinerzeit Aufführungen in Kirchen, der allgemeinen Begeisterung zum Trotz oder gerade ihretwegen, prompt verboten, und deshalb bleibt am Ende bei der Schilderung des idealen Lebens von Adam und Eva im Paradies der Sündenfall bis auf eine knappe Warnung nahezu ausgespart, wird der Mensch gefeiert als „mit Würd' und Hoheit angetan, mit Schönheit, Stärk' und Mut begabt“ – ein diesseitsgerichteter Optimismus, der durchaus mit freimaurerischen Ansichten in Verbindung stand: Haydn und van Swieten waren Logenbrüder.
Allzu forsche Tempi. Und es ward Licht – unter Leitung eines führenden Interpreten der mittleren, auch schon vorgerückten Generation der Originalklang-Bewegung: Der eher seltene Salzburg-Gast Sir John Eliot Gardiner dirigierte zuletzt bei den Sommerfestspielen 2006 ein Mozart-Konzert. Ins Große Festspielhaus folgte ihm nun nicht nur sein Monteverdi Choir, sondern auch die English Baroque Soloists. Dass jedoch viel Licht mit viel Schatten einhergeht, ist nicht erst seit „Götz von Berlichingen“ bekannt: Unüberhörbar blieb, dass die schon zur Pause ausgiebig bejubelte und zuletzt (vor geschrumpftem Publikum) mit der Schlusschor-Reprise als Zugabe beendete Aufführung, streng genommen, höchsten Festspiel-Ansprüchen nicht genügen konnte. Gewiss gab es wieder viel Erfreuliches: die zwischen Delikatesse von Streichern oder Holz und dramatisch-saftiger Attacke des Blechs weit aufgefächerten Farben, der im besten Sinn naiv-lustvolle Umgang mit Haydns Klangmalereien und teils drastischen Effekten, liebevoll hervorgehobene Details wie die Bratschen in Raphaels Meeres-Arie.
Mehr noch als kleine Unsauberkeiten störten jedoch Gardiners manchmal allzu frische, ja forsche Tempi zumal der Chöre: Da kam im auch orchestral etwas lärmenden „Stimmt an die Saiten“ sogar der immer noch sehr gute Monteverdi Choir in Bedrängnis. Und es ist eben ein großer Unterschied, ob etwa Gabriels Koloraturen in „Der Herr ist groß“ zum Ausdruck überschäumenden Jubels werden, oder eher nervöse Hektik verbreiten – auch wenn sich Lucy Crowe trotz manch steifer Töne, nicht zuletzt als Eva, gerade in den verzierten Passagen keine Blöße geben musste. Gleichwohl war unter den Solisten letztlich nur James Gilchrist als Uriel tadellos: Inbegriff eines intelligent und beredt vortragenden, plastisch und doch stets kantabel agierenden Oratorientenors. Denn dem sympathisch wirkenden jungen Bass Vuyani Mlinde (Raphael und Adam) fehlt es noch an stimmlicher Politur, Intonationssicherheit, erstklassigem Deutsch und für den Erzengel auch an Gravitas. wawe
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

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