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Grigory Sokolov, der echte „Festspieler“

23.07.2012 | 18:25 |  ISABEL BIEDERLEITNER (Die Presse)

12.000 Downloads in YouTube, ein Applaus-Orkan in Kremsmünster. Es gibt in unseren Tagen kaum einen zweiten Pianisten von solcher Perfektion und Hingabe.

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Mehr als 12.000 Musikfreunde haben sich den Livemitschnitt von Grigory Sokolovs Münchner Konzert vom März dieses Jahres auf YouTube schon angesehen. Und doch: Das wahre Sokolov-Mysterium erschließt sich nur live. Seit Jahren reist der russische Pianist halbjährlich mit ein und demselben Programm durch die Welt.

Immer werden seine Konzerte gestürmt. Sein Juli/August-Recital absolvierte Sokolov auch im Rahmen der Oberösterreichischen Stiftskonzerte in Kremsmünster.

Wieder zweifelte niemand. Es gibt in unseren Tagen kaum einen zweiten Pianisten von solcher Perfektion und Hingabe. Applaus scheint diesem Künstler lästig. Eine hastige Verbeugung, ein scheuer Blick – schnurstracks steuert er auf den Steinway zu und ist ab der ersten Melodiefolge Jean-Philippe-Rameauscher Charakterstudien ganz in sein Spiel versunken. Meditation – für Pianist wie Publikum – auch Mozarts a-Moll-Sonate, KV310: Jeder Vorschlag, jede Verzierung, jeder Triller, jeder Vorhalt, jede harmonische Rückung hat ihren sicheren Platz.

Drei Verbeugungen, wenn auch beinah verschreckten Blicks, immerhin: Nach Rameau war das Publikum mit seinem Jubel allein geblieben...

 

Höchste Anerkennung: Stille

Sein Ziel, das Publikum aufs Applaudieren vergessen zu lassen, sollte Sokolov an diesem Abend aber noch erreichen. Wie schon vergangenen November im Wiener Konzerthaus standen nach der Pause Brahms' „Händel-Variationen“ auf dem Programm, nahtlos perlten die 25 Pièçen ineinander über, jede für sich ein Kleinod. Die Fuge zuletzt fegte – nicht donnernd, nicht hämmernd, sondern klug gesteigert, von Pausen noch angestachelt – zum furiosen Schlussakkord. Beklommene Stille im Auditorium – und noch ehe das Händeklatschen den Pianisten aus seiner Welt reißen konnte, setzte er mit größter Selbstverständlichkeit zum lieblichen „Schlaf sanft mein Kind“-Andante des ersten der Brahms-Intermezzi op.117 an.

Dem furiosen Feuerwerk folgte das Wiegenlied, als wäre das der natürlichste Übergang der Welt. Balsam für die Ohren und Demonstrationsobjekt von Sokolovs subtiler Anschlagkultur.

Am Ende freilich ließ es sich das Publikum nicht nehmen, zu jubeln. Grigory Sokolov dankte für jeden neuerlichen Hervorruf mit einer neuen, jeweils „wilderen“ Zugabe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2012)

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