Salzburg. Anna Netrebko singt. In Wahrheit genügt das, um das Salzburger Festspielbarometer den höchsten erreichbaren Wert anzeigen zu lassen. „Gibt es Karten für die Netrebko-Show?“, so lautete die Frage an das Kartenbüro bereits 2005. Die „Netrebko-Show“, das war Verdis „Traviata“, nach dem allseits als Sensation bestaunten Debüt in der von Nikolaus Harnoncourt dirigierten Premiere von Mozarts „Don Giovanni“ der zweite Auftritt der Diva im Festspielhaus.
Und für viele, dank Fernsehübertragung, ihr eigentlicher Durchbruch. Die Opern, in denen die Netrebko auf der Besetzungsliste steht, sind seither immer der eigentliche Kassenmagnet. Ganz gleich, wer am Dirigentenpult steht, ganz gleich, wer inszeniert. So sind denn auch heuer die Vorstellungen von Puccinis „La Bohème“ restlos überbucht, während für alle anderen Produktionen mit mehr oder – in der Regel – weniger Mühe Tickets in jeder Kategorie zu haben sind.
In gewisser Hinsicht, so trösten sich Salzburger Eingeweihte, die den Betrieb seit Jahrzehnten beobachten, hat sich nichts geändert. Früher einmal hieß die Konstante Herbert von Karajan. Man pilgerte in die Festspielstadt, um bestimmte Namen in den Programmheften lesen zu können. Und um dabei gewesen zu sein.
Insofern, da sind sich die Kommentatoren einig, hat man mit Alexander Pereira einen idealen Mann an der Festspielspitze gefunden. Er versteht sich aufs Namedropping bestens, holt aktuelle Spitzenstars – eben auch die Netrebko – und „Ehemalige“. Sogar José Carreras gibt heuer wieder einen Liederabend. Ein alter Haudegen wie Placido Domingo singt Händel, für den ein wenig angeschlagenen Publikumsliebling Rolando Villazón fand sich eine Mozart-Oper, in der er ohne Probleme reüssieren konnte.
Vor allem aber: Pereira weitet das Angebot aus und hat die Festspiele kurzerhand um eine Woche verlängert. Er begann mit einer „Ouverture spirituelle“, die sich auch im Feuilleton als synkretistischer Versöhnungsakt und Gedankenmühle vermarkten lässt. Ein Salzburger Nobelwirt bringt es auf den Punkt: „Unser Geschäft hat heuer schon eine Woche früher begonnen.“ Während die schöngeistige Festspielberichterstattung dabei sogar philosophische Hintergedanken wälzen darf, bedeutet das für das Finanzministerium höhere Steuereinnahmen bereits ab 19. und nicht erst ab 27.Juli. Die viel zitierte Umwegrentabilität beschert neue Überschussrekorde.
Kein Wunder, dass Budgetdiskussionen unter diesen Auspizien rasch verstummen. Dass ein Intendant deshalb keine Rücktrittsdrohungen ausstoßen muss, hat Alexander Pereira bereits begriffen. Man hat sich geeinigt. Offiziell beträgt der Rahmen nicht mehr als die vorab geplanten 60 Mio. Euro. (Zuschüsse: 12,6 Mio. Euro) Was an Sponsorengeldern zusätzlich geschnorrt werden kann, fließt „ausgelagerten“ Projekten zu.
Auch auf den Bildschirmen präsent
Da die Steuereinnahmen durch die Festspiele und ihr Umfeld erwiesenermaßen der öffentlichen Hand mehr Geld bringen, als diese dem Kunstbetrieb zuschießt, wird nicht einmal jener Paragraf des Festspielgesetzes in Zweifel gezogen, der die Abgangsdeckung in jedem Fall garantiert.
Künstlerische Fragen wurden bei alledem in Salzburg immer nur auf den Kulturseiten abgehandelt. Solange die rechten Galionsfiguren für Aufruhr auch in den Klatschspalten sorgen, fällt das Salzburger Nockerl nicht in sich zusammen. Dass sich dessen Nimbus auch medial transportieren lässt, erweisen die enormen Einschaltquoten bei den (heuer ungewöhnlich vielen) TV-Übertragungen.
Salzburg ist als das Sommerfestival schlechthin bis in den fernen Osten auf den Bildschirmen präsent. Salzburg, Mozart und die Netrebko – im weitesten Sinn Österreich-Werbung. Ideell unbezahlbar – und real, angesichts des erzielten Effekts, nicht einmal wirklich teuer...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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