Daniel Barenboim ist auch in Salzburg multifunktional. Bei den Festspielen gibt er als Pianist heuer einen kleinen Schubert-Zyklus mit Sonaten und Impromptus, als Dirigent leitete er einen Beethoven-Abend seines West Eastern Divan Orchester. Als Schlusskonzert der „Saison“ dieses israelisch-palästinensischen Klangkörpers spielten die jugendlichen Musiker im Großen Festspielhaus die „Pastorale“ und die „Schicksals-Symphonie“.
Und es erwies sich wieder einmal, dass der Mann am Dirigentenpult die eigentliche Schlüsselfigur ist. Er kann – wie am Vortag am selben Ort bei „La Bohème“ zu hören war – ein Profi-Orchester um beinah alle seine Klang- und Spiel-Tugenden bringen.
Er kann aber auch, das demonstrierte Barenboim mit seinen Getreuen, ein semiprofessionelles, junges Ensemble zu einem homogenen Klangkörper formen, der wirklich eines Sinnes musiziert. Die Besetzung des West Eastern Divan hat in den vergangenen drei Jahren kaum gewechselt – lediglich einige Musiker aus Syrien haben aufgrund des Bürgerkriegs keine Chance, derzeit mitzumachen. Barenboim erinnerte an die Freunde nach dem Konzert in einer kurzen Ansprache.
Dem Dirigenten ist es gelungen, seine Musikergemeinschaft auf einen einheitlichen, aus der romantischen Tradition geborenen Stil einzuschwören. Man kennt einander, der Maestro kann den Musikern, die Musiker können ihm vertrauen. So ist es Barenboim möglich, über weite Strecken nur gestalterisch zu agieren, den Klang zu modellieren, Steigerungen aufzubauen, während die Frage, wie gespielt wird, völlig außer Streit zu stehen scheint.
Renaissance alter Orchester-Tugenden
Tugenden, die selbst bedeutende Profi-Orchester langsam, aber sicher zu vergessen scheinen, werden vom West Eastern Divan Orchester gepflegt, sorgfältige Phrasierung, das Ausspielen von langen Notenwerten bis zum Ende, ohne an Klangintensität zu verlieren, und was dergleichen mehr zur Kinderstube gehört. Auch ist Barenboims Beethoven frei von jeglichen Anleihen bei der Originalklang-Ästhetik, auf deren Altar ja heutzutage manch klassisches „G'hörtsich“ geopfert wird.
Donnerstagabend erinnerte sich vielleicht mancher Festspielbesucher daran, dass just der Kombination aus Fünfter und Sechster Symphonie einer der letzten Konzertauftritte Karl Böhms gewidmet war ...
Jedenfalls genoss man die unfehlbare formale Übersicht Barenboims, seine Kunst, dramaturgische Entwicklungen einzuleiten, auszukosten und zu Ende zu führen. Man bewunderte die solistischen Leistungen der Bläser – allen voran der hoch musikalischen Fagottistin und des zu weichen Legati fähigen Hornisten in der „Pastorale“.
Und die Kunstfertigkeit, melodische Abläufe spontan zu modellieren: Barenboim reagierte auf die Stimmung im Saal, die Musiker auf ihn, und das Publikum auf alles zusammen – mit Jubel.
Schubert-Zyklus:15., 20. und 24. August
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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