Am Anfang war die Irritation. Lag es an der viel diskutierten Akustik im sogenannten „Haus für Mozart“, dass Wolfram Rieger und sein Klavier Samstagabend gegenüber Thomas Hampsons Bariton gar so deutlich in den Hintergrund traten? Lag es wohl nicht, denn bei der Auswahl aus Mahlers Wunderhorn-Liedern im zweiten Teil war die Balance dann eine ganz andere.
Das Ohr stellte sich jedoch bei Robert Schumanns eröffnendem Liederkreis nach Eichendorff rasch auf das fordernde Klangbild ein, das den Zuhörer zwingt, sich stärker um die Musik zu bemühen. Ein Bemühen, das durchaus belohnt wurde. Statt eine mit sattem Klavierklang unterlegte Übung in Schöngesang abzuliefern, gelang dem Duo eine intime, innige Darstellung des Zyklus. Hampson, dessen Stimme gelegentlich leicht angegriffen wirkte, stellte nun auch in Salzburg wieder unter Beweis, wie sehr er sich auf das Handwerk des Liedgesangs versteht: die Essenz der Miniaturen, ihren individuellen Charakter herauszuarbeiten, gleichzeitig aber den Ariadnefaden des Zyklus nicht zu verlieren.
Der „Zigeuner“ Gustav Mahler?
Als natürliche Gravitationspunkte nützte er die schmerzhaft schöne „Mondnacht“ und das verstörende „Zwielicht“, um die herum er sein Ausdrucksspektrum entfaltete: Von karg-trocken bei der eröffnenden „Fremde“ über liebevoll-warm im „Intermezzo“, fahl-grau in „Auf einer Burg“ bis optimistisch-kraftvoll in der „Frühlingsnacht“. Auch wenn nicht jede Wortfärbung ganz nachvollziehbar geriet, gelangen doch viele eindringliche Momente, etwa die fast gesprochene Schlusszeile des „Zwielichts“: „Hüte dich, sei wach und munter!“ Wer es da nicht längst war, wurde es im zweiten Teil, erst bei Antonin Dvořáks „Zigeunermelodien“ zu stark an Folklore-Kitsch grenzenden Texten von Adolf Heyduk, dann bei Mahlers Wunderhorn-Liedern, einem Steckenpferd Hampsons. Mit großer Umsicht und dem Wissen, dass Pausen oft so wichtig sind wie die Musik dazwischen, gestaltete das Duo eine Auswahl an Antikriegsliedern: Unter „Juchhe, Juchhe“ marschiert man anfangs noch „im grünen Mai“ – bis am Schluss nur noch die Gebeine einen schauerlichen Totentanz zelebrieren.
Bleibt die Frage, was das alles miteinander zu tun hat. Muss es gar nicht, aber im Programmheft wird eine abenteuerliche These angeboten, wonach das „Zigeunerhafte“ die drei Werkgruppen verbinde. Schumanns Loreley als Zigeunerin, das ist schon gewagt, wird aber noch überboten, indem Mahlers Außenseitertum als Variante des Zigeunerisch-Heimatlosen gedeutet wird. Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, und nicht alles, was an den Haaren herbeigezogen ist, ist ein Programm. hd
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)

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