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Plácido Domingo als Barocktenor: Ein genialer Schwindler

10.08.2012 | 18:26 |  WALTER WEIDRINGER (Die Presse)

In Händels „Tamerlano“ lieferte sich der Rekordhalter unter den Opernstars unserer Zeit, angefeuert von Mark Minkowski, ein grandioses Musiktheater-Duell mit dem Countertenor Bejun Mehta.

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Plácido Domingo, der uneinholbare Marathonmann der Oper, ist immer noch für Überraschungen gut. Etwa für jene, im Herbst seiner Karriere (2008, noch vor den Versuchen als Verdi-Bariton) auch den Bajazet in Händels „Tamerlano“ zu seiner schier endlosen Liste von Partien hinzuzufügen.

Abgesehen von selbst so genannten „Jugendsünden“ seine einzige große Barocktenor-Rolle. „Warum?“, könnte man im Zeitalter der historischen Aufführungspraxis und vorwiegend schlanker, koloraturgewandter Stimmen in diesem Fach einwenden. Die Antwort gibt die Partie selbst: Bajazet, das ist nicht nur ein in politische Ranküne verstrickter, sorgender Vater wie Simon Boccanegra und Rigoletto, sondern auch einer, der mit allen Ehren eines enorm expressiven Accompagnato-Rezitativs ausgestattet eindrucksvoll sein Leben aushauchen darf.

Bei beiden Facetten ist Domingo in seinem Element – und biegt sich den Notentext, den er im Lauf des Abends mit wachsender Flexibilität meistert, dort und da ein bisserl zurecht.

Freilich wird der osmanische Sultan da von der vokalen Physiognomie her zu einem Bruder von Verdis Mohren von Venedig, worüber Puristen die Nase rümpfen dürfen. Mark Minkowski zählt nicht zu ihnen, dem geht es um packendes Musiktheater, auch im konzertanten Rahmen: Mit seinen glänzenden Musiciens du Louvre schlägt er immer wieder sprühende Funken aus der dunklen Glut von Händels Partitur – und weiß Bejun Mehta ganz auf seiner Seite, der in der Rolle von Bajazets Widersacher Tamerlano vor Bühnenenergie fast zu bersten droht.

 

Affekt gegen Affektiertheit

Mit völlig anderen sängerischen Mitteln, aber mit dem nämlichen Effekt verschmelzen auch bei ihm Gesang und Charakterzeichnung zu einer Einheit, ein paar scharfe Töne im Furor der Koloraturen inbegriffen. Was für ein Unterschied zu seinem Countertenor-Kollegen Franco Fagioli, der zwar trefflich vokalen Zierrat ausbreiten kann, aber doch auf recht affektiert-larmoyante Weise mehr seine Stimme in Szene setzt als den Griechen-Prinzen Andronico.

Herrlich dagegen die 22-jährige Sopranistin Julia Lezhneva als Asteria: Von betörender Reinheit und veredelt durch eine Prise herber Klage, gemahnt ihr Timbre bei manchen Phrasen an Victoria de los Angeles, verströmt sinnlichen Pianoreiz, weiß zart schattierte Girlanden zu spannen und dennoch aufzutrumpfen – ein großes Versprechen. Jubel auch für Marianne Crebassa (Irene) und Michael Volle (Leone).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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6 Kommentare

... als Barocktenor: Ein genialer Schwindler?

Aber nicht nur künstlerisch; musste sich doch schon einige Male mit den §§ herumschlagen!

biegt sich den Notentext dort und da ein bisserl zurecht


das tat er 50 jahre lang!

Antworten Gast: Mag schon sein ...
10.08.2012 23:35
2 1

Re: biegt sich den Notentext dort und da ein bisserl zurecht

... aber das ist allemal besser als technisch perfekte, aber kalt und blutleer bleibende Interpretationen vieler jüngerer Sänger und Musiker, die von der Seele der Musik im Grunde keine Ahnung haben!

Antworten Antworten Gast: schreker
11.08.2012 19:55
0 1

Re: Re: biegt sich den Notentext dort und da ein bisserl zurecht

Nein, ist es nicht. Schließlich singt er doch auch alles verständnislos aus dem Kopf vom Blatt. Zum Grausen!

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Re: biegt sich den Notentext dort und da ein bisserl zurecht

Was soll er auch machen, die Komponisten sind alle tot und können NICHT MEHR anpassen!

Antworten Antworten Gast: grösso
11.08.2012 11:18
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Schon mal daran gedacht, daß vielleicht die Notenaufzeichnungen niemals perfekt festhalten können, welche Musik der Komponist selbst gemeint und gehört hat? Sie zeigen nur die Richtung an, so wie es die Zeichen jeder Sprache tun, in der das Werk liegt.

Zu meinen, daß Musik in den Noten 1:1 niedergeschrieben läge, ist Technizismus, der jedem lebendigen Werk zuwiderläuft. Von Fehlern, oder Schlampigkeiten etc., die sich bei jedem Werk, das geschaffen wird, einschleichen, abgesehen.

Im übrigen wäre Interpreation keine Kunst (als Kunst, nicht als "Können", eben Technik) wenn der Interpret nicht aus dem Vorgegebenen tatsächlich ein Wirkliches, Gegenwärtiges, jetzt Lebendiges schaffte. Und darum braucht es schöpferische Kraft auch des Interpreten, der das hinter den Noten "Gemeinte" erfassen, und wirklich werden muß. Nicht einfach "absingen" vorgegebener Notenaufzeichnungen bedeuten kann.

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