Plácido Domingo, der uneinholbare Marathonmann der Oper, ist immer noch für Überraschungen gut. Etwa für jene, im Herbst seiner Karriere (2008, noch vor den Versuchen als Verdi-Bariton) auch den Bajazet in Händels „Tamerlano“ zu seiner schier endlosen Liste von Partien hinzuzufügen.
Abgesehen von selbst so genannten „Jugendsünden“ seine einzige große Barocktenor-Rolle. „Warum?“, könnte man im Zeitalter der historischen Aufführungspraxis und vorwiegend schlanker, koloraturgewandter Stimmen in diesem Fach einwenden. Die Antwort gibt die Partie selbst: Bajazet, das ist nicht nur ein in politische Ranküne verstrickter, sorgender Vater wie Simon Boccanegra und Rigoletto, sondern auch einer, der mit allen Ehren eines enorm expressiven Accompagnato-Rezitativs ausgestattet eindrucksvoll sein Leben aushauchen darf.
Bei beiden Facetten ist Domingo in seinem Element – und biegt sich den Notentext, den er im Lauf des Abends mit wachsender Flexibilität meistert, dort und da ein bisserl zurecht.
Freilich wird der osmanische Sultan da von der vokalen Physiognomie her zu einem Bruder von Verdis Mohren von Venedig, worüber Puristen die Nase rümpfen dürfen. Mark Minkowski zählt nicht zu ihnen, dem geht es um packendes Musiktheater, auch im konzertanten Rahmen: Mit seinen glänzenden Musiciens du Louvre schlägt er immer wieder sprühende Funken aus der dunklen Glut von Händels Partitur – und weiß Bejun Mehta ganz auf seiner Seite, der in der Rolle von Bajazets Widersacher Tamerlano vor Bühnenenergie fast zu bersten droht.
Affekt gegen Affektiertheit
Mit völlig anderen sängerischen Mitteln, aber mit dem nämlichen Effekt verschmelzen auch bei ihm Gesang und Charakterzeichnung zu einer Einheit, ein paar scharfe Töne im Furor der Koloraturen inbegriffen. Was für ein Unterschied zu seinem Countertenor-Kollegen Franco Fagioli, der zwar trefflich vokalen Zierrat ausbreiten kann, aber doch auf recht affektiert-larmoyante Weise mehr seine Stimme in Szene setzt als den Griechen-Prinzen Andronico.
Herrlich dagegen die 22-jährige Sopranistin Julia Lezhneva als Asteria: Von betörender Reinheit und veredelt durch eine Prise herber Klage, gemahnt ihr Timbre bei manchen Phrasen an Victoria de los Angeles, verströmt sinnlichen Pianoreiz, weiß zart schattierte Girlanden zu spannen und dennoch aufzutrumpfen – ein großes Versprechen. Jubel auch für Marianne Crebassa (Irene) und Michael Volle (Leone).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

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