Selbst die obligate Blümchenüberreichung wurde zur Chefsache: Intendant Alexander Pereira ließ es sich nicht nehmen, persönlich auf der Bühne die Uraufführungsinterpreten von Heinz Holligers „Janus“ zu herzen, Thomas Zehetmair und Ruth Killius als Solisten sowie den Schöpfer des Werks am Pult des Mozarteum-Orchesters Salzburg – eine Geste, die wohl bedeuten sollte, dass sich auch dieser programmatische Schnittpunkt von Mozart-Matineen und der zeitgenössischen Schiene „Salzburg contemporary“ im Herzen der Festspiele befindet.
Der 1939 geborene Schweizer Oboist, Komponist und Dirigent Holliger ist heuer in allen drei Funktionen zu erleben – ein heimlicher „Musician in residence“: „Janus“, ein Doppelkonzert für Violine, Viola und kleines Orchester, entstand als Auftragswerk der Festspiele und sollte sich auf Mozarts Sinfonia concertante KV 364 beziehen, die vorab erklang. Da wurde rasch klar: Bei aller Agilität ist Holliger kein virtuoser Taktschläger, sondern ein mit- und vorausdenkender Musiker in leitender Funktion, der seinen Mitstreitern Freiräume lässt, aber auch gezielt eingreift – so, wenn er exquisite Spannung erzielt, indem er die leisen Tremoli der geteilten Bratschen vor dem ersten großen Crescendo des Kopfsatzes hervorhebt oder mit sanften Tempomodifikationen den Ausdrucksgehalt unterstreicht.
Der Orchesterpart erklang so nicht bis ins Letzte poliert, wurde aber mit großer musikantischer Selbstverständlichkeit erfüllt. Der lichte Klang von Zehetmairs Violine und die erdhaften, nicht immer ganz fokussierten Bratschentöne von Killius fanden in der schmerzlichen Zwiesprache des Mittelsatzes am intensivsten zusammen – ein Bindeglied zu Holligers „Janus“. Dessen Titel suggeriert Doppelgesichtigkeit und Kontrast, der Komponist verkehrt Mozarts einträchtiges Verschmelzen der Solisten ins Bipolare, Disparate: Hellem Glitzern der Violine stehen lamentable Linien der Viola gegenüber, Violine und Flöte treten in ruhigen Dialog, knatternde Motive verunsichern. Mysteriös murmelnde Wellen wandeln sich ins Flirrende und gehen über in eine durch vielfältige Geräusche klanglich pittoreske Passage im aleatorischen Kontrapunkt (samt Sausen der peitschenartig schnellenden Bogen der Solisten). Nach aufbegehrenden Orchestergesten mündet das Opus in einen klagenden Epilog von Violine und Bratsche. Insgesamt ein von nächtlichen Stimmungen dominiertes, reichhaltiges, gerade darin etwas gesuchtes Werk, das freilich lautstarke Anerkennung erntete. wawe
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2012)

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