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Festspiele: Diesseitiger Berlioz, transzendenter Liszt

16.08.2012 | 18:25 |  WALTER WEIDRINGER (Die Presse)

Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker präsentierten die teils monströse "Messe solennelle" und die oft missverstandenen "Les Préludes".

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Die Wiener Philharmoniker im Dauereinsatz: Am Vormittag nach der „Carmen“-Premiere zeigten sie sich von ihrer besten Seite – bei einem Programm, in dem Riccardo Muti Bekanntes und wenig Bekanntes von Franz Liszt einer monumentalen, teils monströsen Rarität von Hector Berlioz gegenüberstellte. Ob diese erst 1991 zufällig wiederaufgetauchte „Messe solennelle“ des 20-Jährigen auch dann heterogen zusammengeflickt wirkte, würden wir nicht etliche Themen und Abschnitte aus späteren Werken kennen?

Die lyrisch schwebende Melodie des Gratias etwa hat Berlioz fast wörtlich Jahre später herangezogen, um die pastorale Idylle der „Scène aux champs“ in der Symphonie fantastique zu malen, vieles taucht in „Benvenuto Cellini“ und anderswo wieder auf. Ich denke ja, denn die Fantasie des jungen Komponisten wirkt hier allzu wirr und ungezügelt. Warum es sich dennoch lohnt, das Werk kennenzulernen, über die musikhistorische Erkundung stilistischer Nähe zum von Muti hoch geschätzten Luigi Cherubini und die Besichtigung eines Materialsteinbruchs hinaus – und trotz der unkonventionellen, wenn nicht gar in Wortbetonung und Textgliederung schlicht ungeschickten Faktur der Messe? Weil Berlioz' unverblümt auf Wirkung zielender Stil auf eigene Art faszinierend wirkt.

 

Jubelchöre für Napoleon

Alles ist hier Theater, Pomp, Inszenierung – seien es die seltsamen Sforzati im Kyrie (inspiriert von Geißelhieben oder Hammerschlägen der Kreuzigung?), dessen suggestiv gleißender Schluss, das vom Wiener Staatsopernchor fein modellierte, zum Schmunzeln reizende Laudamus, vollends die martialische Glorie des abschließenden „Domine, salvum fac“, in dem weniger der Führer himmlischer als vielmehr jener höchst irdischer Heerscharen verherrlicht wird, nämlich Napoleon – worauf diesmal enormer Jubel folgte, auch für die Solisten Julia Kleiter, Saimir Pirgu und Ildar Abdrazakov.

Die Assoziation zu unseligen Armeen muss auch Liszts „Les Préludes“ nach wie vor ertragen, selbst wenn der Missbrauch des Stücks durch die Nazis als Radiofanfare des „Wehrmachtsberichts“ langsam in Vergessenheit gerät. Erstaunlich, wie schlüssig Muti die einzelnen Abschnitte auseinander hervorgehen lassen konnte, indem er das Andante maestoso als Grundpuls durchhielt und das Tempo nicht, wie etliche Kollegen, zwischendurch stärker anzog: Gemeinsam mit teils genießerisch, aber nicht über Gebühr zelebrierten Übergängen und den im Subtilen wie im Plakativen akkuraten Philharmonikern erstand das so oft missverstandene Werk aus einem Guss. Eingangs aber war Liszts karges Spätwerk „Von der Wiege bis zu Grabe“ erklungen: die eindringlichsten, bewegendsten Töne dieser Matinee.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)

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2 Kommentare
Gast: Tomb
17.08.2012 11:14
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Mozart

Heuer kein Mozart im "großen" Konzertprogramm. Ist aber anscheinend allen egal,bei diesem Allerwelts-Festival,mit Aufführungen die man überall sehen kann.

Re: Mozart

Seltsamer Konmentar ...

Gerade Heuer wurden im konzertanten Umfeld auch selten gespielte Leckerbissen gespielt.

Nur weil kein Mozart mal gespielt wurde, bedeutet es aus meiner Sicht nicht, dass die Slbg Festspiele ein "Allerweltsfestival" sind ...

Vielleicht ist Ihr Musikgeschmack einfach ein wenig zu eingleisig auf Mozart fokussiert?

Sinkothek