„Der Teufel hol den deutschen Kontrapunkt“, seufzte einst Richard Strauss mit Blick auf jene Gedankenschwere, die nördlich der Alpen zum kompositorischen Erbe gehört – und dort teils auch die Interpretationen älterer Musik noch lange bestimmt hat. Vor 26 Jahren trat „Il Giardino Armonico“ auf den Plan, um eine andernorts längst gepflegte historisch orientierte Aufführungspraxis auch in Italien zu etablieren, das auf diesem Gebiet etwas ins Hintertreffen geraten war. Und die Mailänder Musiker unter der Leitung von Giovanni Antonini erregten rasch internationales Aufsehen mit ihrem offenbar nur schwer zu bremsenden Elan, mit unbekümmerter Musizierlaune und teils erfrischender Respektlosigkeit: So forsch, so drastisch, so hitparadentauglich fetzig hatte Barockmusik bisher kaum geklungen. Mediterrane Lebenslust leuchtete plötzlich etwa aus den Concerti Vivaldis – und auch dem deutschen Repertoire taten kräftige Farben und vitale Tempi gut.
Das war nun auch bei zwei Kammerkonzerten der Salzburger Festspiele zu hören, bei denen „Il Giardino Armonico“ jeweils drei Brandenburgische Konzerte von Bach mit einem Händel'schen Concerto grosso und einer Telemann-Suite kombinierte – auch wenn sich der Reiz des Rauen, Schroffen schon etwas abgenützt haben mag und zumindest an diesem ersten Abend stellenweise etwas sauberere Töne wünschenswert gewesen wären.
Ab 23.8. bei „Giulio Cesare“
Ab kommenden Donnerstag ist mit „Il Giardino Armonico“ unter Antonini im Haus für Mozart als Übernahme von den Pfingstfestspielen Händels „Giulio Cesare“ mit Andreas Scholl, Cecilia Bartoli und Philippe Jaroussky wieder zu erleben. Warum also das Kammerensemble vorab nicht auch separat engagieren?, dachte wohl Alexander Pereira – der freilich mit seinem Konzertprogramm trotz diverser thematischer Linien insgesamt etwas an Nestroys „vermischten Warenhändler“ erinnert.
Pittoresk gemischt waren jedenfalls auch die Bach'schen Instrumentalfarben, die klanglich und rhythmisch herrlich widerborstigen, immer wieder fröhlich schmetternden Hörner sowie die zarte Terzgeige (Violino piccolo) im ersten, die bukolisch duettierenden, von einer hypervirtuosen Geige überbotenen Blockflöten im vierten „Brandenburgischen“. Davon eingefasst die markig-barschen Bassakzente des wie eine gut geölte Maschine ablaufenden, im Finale höchst flotten dritten Konzerts – und Händels Concerto grosso op. 6/4 zwischen schwebender Expressivität und extremen dynamischen Kontrasten. Viel Jubel, bedankt durch eine virtuose Blockflöten-„Réjouissance“ von Telemann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2012)

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