25.05.2013 06:56 Merkliste 0

Salzburg: Beethoven, jenseits des Weihrauchs

20.08.2012 | 16:38 |   (Die Presse)

Maurizio Pollini mit den drei letzten Beethoven-Sonaten in Salzburg: teils etwas neutral, schließlich in überzeugender Klarheit. Die monumentale „Arietta“ aus der Sonate op. 111 wird zum Höhepunkt.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Zwiegesang mit dem Klavier: Maurizio Pollini summt und brummt von den mittleren Stärkegraden an aufwärts auch Beethoven noch herzhafter mit, als man das aus den letzten Jahren gewöhnt ist. Stellenweise scheint es gar, als wolle er den Ausdrucksgehalt der Musik mit kehligem Jammern verstärken. Als wäre das Mitsingen ein Überdruckventil, das die Subjektivität ableitet, durch die er sein Spiel nicht kompromittieren will, weil er doch das Absolute im Sinn hat. Insofern ist Pollini Klassizist: Er scheut die große rhetorische Gebärde, die für ihn ungebührliche Hervorhebung der Details.

Das kann man bedauern, wenn es den expressiven Rahmen eines Werks zu verkleinern scheint – etwa von Beethovens As-Dur-Sonate op. 110. Wenn da im Kopfsatz beim ersten großen Crescendo die Hände auseinanderstreben und links eine Trillerkette nach unten führt, rechts aber Arpeggiofiguren aufwärts streben, dann verzichtet Pollini am Ziel der Bewegung auf zelebrierenden Nachdruck, lässt die Musik fast beiläufig bei den pochenden Sechzehntelakkorden ankommen, die ja gleich zu neuerlichem Aufschwung drängen. Das wirkte nüchtern, fast harmlos – wie etwa auch die sich recht geheimnisarm vollziehende Aufhellung nach F-Dur in der Coda des Allegro molto (in dessen Trio Pollini kurz in pianistische Bedrängnis gekommen war). Und sogar die stockende, wie erstickt schluchzende Wiederkehr des tristen Arioso stellte Pollini gleichsam nur unter Anführungszeichen nach: Das verflachte den Kontrast zur Fuge, welche die emotionale Stabilität ja erst wiederzuerlangen ermöglicht.

„Neues Testament des Klaviers“

Die finale Sonatentrias von Beethoven stand auf dem Programm – und wenn es sich dabei um das letzte Buch des „Neuen Testaments des Klaviers“ handelt, wie Hans von Bülow Beethovens 32 Sonaten nannte, dann verweigert ihm Pollini allen quasisakralen Weihrauch. Souverän gelingt ihm die flüssige Kantabilität, wie sie etwa die E-Dur-Sonate op. 109 bestimmt, deren fantasieartige Freiheit er eingangs unprätentiös, aber sehr plastisch nachzeichnete. Dennoch litt der erste Teil des Abends unter einigen Unsicherheiten und relativ enger dynamischer Palette. Doch spätestens die monumentale „Arietta“ aus der Sonate op. 111 wurde zum Höhepunkt – in wunderbarem Gleichgewicht zwischen penibel modellierten Details und weitgespanntem Zusammenhang, zwischen emotionaler Grundierung und ins Absolute verweisender, alles Persönliche transzendierender Haltung. Viel Jubel, für den Pollini mit den Bagatellen op. 126/3 und 4 dankte. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Sinkothek