Etliche Ballettmusiken – egal, ob in ihrer originalen Form oder als Suiten – haben sich im Konzertsaal eindringlicher durchgesetzt als auf der Bühne. Die populärsten sind wohl Strawinskys russische Ballette, die richtiggehend zu Konzertstücken mutiert sind. Was nicht zuletzt an ihrer rhetorischer Kraft, in ihrer im besten Sinn plakativen Bildersprache liegt. Deshalb führen Orchester den Feuervogel, Petruschka und Le sacre du printemps gern im Reisegepäck mit. Das sichert den Tourneeerfolg. Mit Prokofieffs Romeo und Julia ist es nicht anders. Auch diese Musik ist von unmittelbar narrativer Wirkung, man braucht nicht unbedingt eine Szene, um der Handlung zu folgen.
Auch die Geschichte von Aschenbrödel ist allgemein bekannt. Das durch Schwiegermutter und eine ebenso bösartige Stiefschwester bedrohte arme Mädchen, das durch einen Prinzen diesem tristen Leben entrissen und zum lang ersehnten Glück geführt wird: ein romantischer Traum, in Märchenform gegossen.
„Romantische Liebe“
So verstand ihn auch Prokofieff. „Das, was ich im ,Aschenbrödel‘ vor allem in Musik setzen wollte, ist die romantische Liebe Aschenbrödels und des Prinzen, ihr Aufkeimen und ihre Entfaltung, die Hindernisse in ihrem Verlauf und die Erfüllung ihres Traumes“, schrieb er, als seine mit zahlreichen subtilen Details aufwartende Ballettmusik im November 1945 im Moskauer Bolschoi-Theater Premiere hatte. Diese Uraufführung amüsierte ihn aber gar nicht – sah er sich doch mit Eingriffen in die Orchestrierung seiner Musik konfrontiert. Diese sei zu schwach, erklärten die Theaterverantwortlichen. Aber schon bei der Leningrader Erstaufführung eineinhalb Jahre darauf, hatte sich der Komponist durchgesetzt, und sein Aschenbrödel erklang im Original.
Walzer, Pavane, Passepied, Bourée, Mazurka, Galopp, Pas de deux: Alles, wonach dem klassischen Ballettherz ist, findet sich in diesem Dreiakter. Aber was im Theater bestens trägt, funktioniert, wie sich im Großen Festspielhaus zeigte, im Konzertsaal nur bedingt. Musik wie diese, die mehr auf Atmosphäre, weniger auf Personencharakteristik zielt, bedarf sehr wohl einer szenischen Realisierung. Das konnte auch die perfekte Interpretation durch das exzellente London Symphony Orchestra unter seinem dieses Opus bestmöglich präsentierenden Chefdirigenten Valery Gergiev nicht ganz vergessen machen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)

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