Fast 60 Jahre dauert die Karriere von Bernard Haitink. Über ein Vierteljahrhundert war er Chefdirigent des Concertgebouw-Orchesters, stand an der Spitze des Opernhauses Covent Garden, des Glyndebourne Festivals, des London Philharmonic Orchestra, der Staatskapelle Dresden, des Chicago Symphony Orchestra. Nicht zuletzt mit seinen beiden Faibles, Bruckner, Mahler, blickt er auf eine langjährige Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern zurück.
Bruckner stand auch im Mittelpunkt seiner Matinee im Großen Festspielhaus – das fünfte und letzte „Philharmonische“ dieses Festspielsommers. Wie nur wenige vermag Haitink weite, spannungsvolle Linien zu ziehen. Er drängt sich nie in den Vordergrund, sondern lässt den Komponisten sprechen. Früh hat ihn diese Haltung als idealen Bruckner-Dirigenten prädestiniert. Auch diesmal, bei der neunten Symphonie, beeindruckte, wie er die melodischen Linien zum Leuchten brachte, Zäsuren, Höhepunkte vorbereitete, Details hervorkehrte, ohne die in der Partitur verlangte Grundhaltung der Sätze aus den Auge zu verlieren. Bei Bruckners letzter, nur auf drei Sätze gediehenen, d-Moll-Symphonie ist die Palette weit: Sie reicht von „misterioso“ über „bewegt“ und „lebhaft“ bis zum verklärten „feierlich“ des Finalsatzes. Mit seiner langsamen Tempowahl für diesen Schlusssatz setzte Haitink die Zeit beinahe außer Kraft, konzentrierte zugleich seinen Blick auf die weit in die Zukunft reichenden harmonischen Kühnheiten dieses bewegenden symphonischen Abgesangs. Übereinstimmung zwischen Orchester und Dirigent herrschte auch vor der Pause – bei Beethovens mit Noblesse und Elan dargebotenem vierten Klavierkonzert mit Murray Perahia als idealem Solisten.
Gegen Effekthascherei und Eitelkeit
Noch ein weiterer der großen Alten unter den heutigen Dirigenten gab am vergangenen Wochenende seine Visitenkarte bei den Festspielen ab: Michael Gielen, zwei Jahre älter als sein niederländischer Kollege, in den 1970er-Jahren innovativer GMD in Frankfurt, danach 15 Jahre Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Auch bei ihm stehen Komponist und Werk im Vordergrund.
Nichts, was er mehr verabscheut als das auf Effekt zielende, sich selbst in den Mittelpunkt rückende Gehabe sogenannter Pultvirtuosen. Gielens interpretatorischer Ausgangspunkt ist primär die Werkstruktur – kein Zufall bei einem Dirigenten, der sich auch als Komponist einen Namen gemacht hat. Entsprechend klar und transparent, mit zügigen Tempi vorgetragen klingt sein nüchterner Mozart, wie er bei dieser vorletzten Mozart-Matinee am Beispiel der Es-Dur-Symphonie KV 543 und g-Moll-Symphonie KV 550 an der Spitze des gut vorbereiteten Mozarteumorchesters wieder einmal demonstrierte. Ganz in diesem Stil auch die straffe Begleitung bei Mozarts D-Dur-Hornkonzert KV 412 mit dem Solohornisten des Salzburger Orchesters, Zoltán Mácsai, als nobel phrasierendem Solisten.
An die Naturtonreihe dieses späten Mozart knüpft die im Auftrag der Festspiele von Georg Friedrich Haas komponierte, gekonnt und höchst atmosphärisch mit Vierteltönen experimentierende kurze Novität „... e finisi già?“ an. Der Stücktitel ist Mozarts Anmerkungen für die Interpretation seines Hornkonzerts an den Uraufführungssolisten Joseph Leutgeb entnommen. Ein im Ton D, der Grundtonart dieses Mozart-Konzerts, kulminierendes, unterschiedliche Streichertechniken originell verwendendes Opus. Seine akklamierte Uraufführung leitete allerdings nicht Gielen, sondern der 37-jährige Zürcher Titus Engel, der damit zu Salzburger Festspiel-Debütehren kam.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)

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