Pech für die Festspiele: Krystian Zimerman, der vorige Woche schon seinen Klavierabend abgesagt hatte, sah sich krankheitshalber nun auch außerstande, Witold Lutosławskis Klavierkonzert zu interpretieren – Grund für Franz Welser-Möst, sich „persönlich enttäuscht“ zu zeigen, denn Zimerman sei für ihn „einer der begnadetsten und außergewöhnlichsten Künstler“, wie er dem Publikum erklärte.
Das brach freilich auch einen erheblichen Zacken aus der „Salzburg contemporary“-Krone, mit der sich Alexander Pereira gerne geschmückt hätte. Denn der Ausfall des für Zimerman geschriebenen und 1988 mit ihm und unter der Leitung des Komponisten bei den Festspielen uraufgeführten Werks bedeutete eine empfindliche Einbuße für den kleinen Lutosławski-Schwerpunkt, der zudem etwas Konsequenz in das heurige zeitgenössische Programm gebracht hätte, das wohl in erster Linie reichhaltig erscheinen sollte, nach Hinterhäusers famoser „Kontinent“-Serie der letzten Jahre jedoch eher wahllos und zufällig wirkte.
Kurzfristigen Ersatz hatte das Cleveland Orchestra mit im Gepäck: „Chute d'?toiles. Hommage à Anselm Kiefer“ von Matthias Pintscher, uraufgeführt erst fünf Tage zuvor beim Lucerne Festival und angeregt von einer Installation Kiefers. Pintscher übersetzt die Idee vom „Fall der Sterne“ in eine anfangs massive, dabei aber doch transparent instrumentierte Explosion, um dann fein ziselierten, durch subtile Geräusche angereicherten Ereignissen viel Platz einzuräumen: Aufgewirbelter, sich langsam setzender Klangstaub, nachgezeichnet nicht zuletzt von den großartigen Cleveland-Trompetern Michael Sachs und Jack Sutte als Solisten, deren Linien und Floskeln einander immer wieder suchend folgten. Sehr höfliche Begeisterung für eine ebenso präzise wie farbreiche Interpretation und den erfreuten Komponisten – nachdem der Abend etwas lahm und bloß korrekt begonnen hatte: Da waren vom Vortag mit den ersten vier Tondichtungen von Bedřich Smetanas „Má vlast“ noch die letzten beiden Teile nachzureichen, „Tábor“ und „Blaník“, also die finale nationalistische Utopie des „Vaterland“-Zyklus.
Brillanz am Rande des Abgrunds
Bei aller Genauigkeit schien da etwa im leise beginnenden Siegesmarsch statt böhmischer Musizierlust schon Schostakowitschs beißende Ironie anzuklingen, die dann in dessen 6. Symphonie allerdings mit der nötigen scharfkantigen Verve kombiniert wurde: Brillanz am Rande des Abgrunds.
Am Sonntag gastieren das Cleveland Orchestra und sein Chef Franz Welser-Möst dann in Grafenegg: u. a. mit Smetanas „Moldau“ sowie Bruckners 4. Symphonie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2012)

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