Es war ein exzellentes Konzert. Vom Cleveland Orchestra erwartet man das. Nach den Salzburger Festspielauftritten gab jenes amerikanische Spitzenensemble, das wohl am europäischsten klingt, auch im Wolkenturm von Grafenegg ein umjubeltes Gastspiel. Man lauschte in der bewundernswert klaren Akustik der Freiluftbühne dem makellosen Klang des Orchesters, atemberaubenden Pianissimo-Momenten vor allem, in denen das Publikum den Atem anhielt und nur noch das Zirpen der Grillen den Klang übertönte.
Doch Hochspannung konnte nach zwei Tondichtungen aus Smetanas „Vaterland“-Zyklus während Bruckners Vierter auch aufkommen, weil die Gäste eine andere Fassung der Symphonie boten als zuletzt gewohnt. Franz Welser-Möst, Chefdirigent der Clevelander, hat sich in seinem Einsatz für das Werk seines genialen Landsmannes wirklich sämtlichen Versionen der neun Symphonien zugewandt, die überliefert sind.
Von der Vierten hat er die kaum je gespielte raue Urfassung in Linz schon vor einem Vierteljahrhundert zur Diskussion gestellt. Und nun überraschte er mit Klängen, die Kenner seit der Herausgabe der Zweitfassung von 1878/80 endgültig überwunden glaubten: einem abebbenden Jagd-Sturm im Scherzo, der zum Trio überleitet, einer verkürzte Scherzoreprise, manchen Instrumentationsretuschen inklusive Einsatz mehrerer Beckenschläge – die hat Bruckner meist gescheut! – ein gegenüber der üblichen Spielvariante nochmals redigiertes Finale.
Wie einst bei Knappertsbusch
Dinge, die hierzulande wohl seit Hans Knappertsbuschs Zeiten nicht mehr zu hören waren, feiern plötzlich wieder fröhliche Urständ? Sie sind, in der jüngsten Partitur der Bruckner-Gesamtausgabe ist das nachzulesen, original von Bruckners Hand und keine fremden Zusätze. Der Druck der Partitur, wie sie 1888 in Wien als Erstausgabe erschien, wurde vom Komponisten überwacht.
Welser-Möst macht sich diese Erkenntnisse zunutze und führt die Hörer zurück zu jenem Erlebnis, das einst dieser „Romantischen Symphonie“ zum internationalen Siegeszug verhalf.
In Grafenegg spürte man, warum. Das hat nun weniger mit der gewählten „Fassung“ zu tun – die war das philologisch bemerkenswerte Beiwerk – als mit der Bruckner-Kompetenz dieses Dirigenten, der sein technisch über alle Zweifel erhabenes Orchester zu einer grandiosen Interpretation führte. Einer Interpretation von hoher dramaturgischer Dichte und – allen Eruptionen zum Trotz – transparent gewobenen Klanglichkeit.
Bruckners Stimmungsbilder wirkten dabei nicht minder pittoresk und erzählmächtig wie die Smetana-Tondichtungen zuvor: Landschaft und Musik – im Wolkenturm perfekt harmonisiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)

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