Die Produktion von Verdis erstem Auftrag für Paris, „I Vespri siciliani“, ist eine der interessantesten, nachhaltigsten Hinterlassenschaften der Grand-Opéra-Offensive der Ära Holender. Inspiriert von den archaisch-stimmigen Sizilien-Impressionen des Fotografen Enzo Sellerio schuf der 2002 gestorbene Regisseur Herbert Wernicke für seine Inszenierung eine gewaltige dunkelgraue Treppe, die den Bühnenraum beherrscht. Das beeindruckte schon 1998 bei der Premiere – und fasziniert auch bei der Wiederaufnahme, die am Sonntag die 38. Aufführung der Produktion brachte.
Verdi hat für seine nach Verzögerungen und mühsamen Proben 1855 uraufgeführte Oper, deren Libretto später ins Italienische übertragen wurde, vier höchst anspruchsvolle Hauptpartien komponiert. Wenn man weiß, wie schwierig Verdi generell heute zu besetzen ist, ist man doch dankbar, wenn der Versuch unternommen wird, seine „Vesper“ auf den Spielplan zu setzen.
„O tu Palermo“, den einzigen echten Schlager der Oper, servierte Ferruccio Furlanetto als Giovanni da Procida. Er hat die Rolle bereits bei der Premiere verkörpert, sein Bass ist inzwischen noch dunkler und mächtiger geworden. Dabei schafft es dieser Wiener „Vesper“-Routinier, seinem Procida zwischen den vielen Stiegen auch ein solide gezeichnetes Rollenprofil zu geben. Seine neuen Kollegen scheinen sich auf der sizilianischen Treppe dagegen noch nicht ganz eingelebt zu haben.
Souverän: Angela Meade
Zumindest stimmlich ist die junge Amerikanerin Angela Meade, die als Elena ihr Wiener Hausdebüt gab, ganz in Verdis Palermo angekommen. Ihr üppiger, reich mit Vibrato gesegneter Sopran mag vielleicht Geschmackssache sein; den extremen Stimmumfang der Rolle, die Anforderungsbreite von lyrisch über dramatisch bis koloraturgeläufig bewältigt sie erstaunlich souverän. Gabriele Viviani macht als Guido di Monforte mit seinem kraftvollen und wohl, wenn auch etwas unspezifisch timbriert tönendem Bariton gute Figur, während dem neuen Wiener Arrigo, Burkhard Fritz, das stimmliche Glück diesmal nicht ganz so hold war. Nach wackerem Beginn forderte die Partie bald ihren Tribut, in seiner Arie im vierten Akt verließen ihn dann die Kräfte ganz, wobei er tapfer bis zum Ende sang.
Am Pult stellte sich Gianandrea Noseda dem Wiener Publikum vor. Mit großem Körpereinsatz bemühte er sich mit dem fein aufspielenden Staatsopernorchester um Intensität, was nur bedingt gelang. Etwas verkrampft stürzte er sich in die Ouvertüre, fand erst im Lauf des Abends zu freierer Stabführung. Auch mit der Koordination klappte es nicht immer reibungslos, vor allem etliche Chorstellen wackelten deutlich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)

''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins