Die Presse: Das Theater an der Wien näht sich die Kammeroper ein und bekommt dafür 700.000 Euro mehr Subvention von der Stadt?
Roland Geyer: Das ist falsch. Die Realität ist, dass die 700.000 Euro nicht einmal die Hälfte der Kosten der Kammeroper decken. Wiens Kulturstadtrat Mailath-Pokorny wollte von mir einen Vorschlag zur Rettung der Kammeroper nach dem Rückzug des Bundes vor zwei Jahren. Für uns war der Anreiz der zweite Spielort für das Theater an der Wien. Wir haben gesagt, wir gründen für die Kammeroper ein junges, professionelles Ensemble. Aus 300 Bewerbungen hat Sebastian Schwarz, Betriebsdirektor des Theaters an der Wien, Bassbariton und Kammeropernchef, sieben junge Sänger ausgewählt, die nun im Haus am Fleischmarkt in vier großen Produktionen die Hauptrollen übernehmen und im Theater an der Wien in kleinen Rollen zu erleben sein werden.
Zweimal haben zuletzt Filmregisseure im Theater an der Wien Oper Regie geführt: Stefan Ruzowitzky brachte Webers „Freischütz“ heraus, William Friedkin, der den „Exorzisten“ drehte, die erste Fassung von „Hoffmanns Erzählungen“. Beide Male gab es teils herbe Verrisse. Sind Filmregisseure für die Oper ungeeignet?
Kritiker sind Kritiker. Aber: Ich bin vorsichtiger geworden. Es zeigt, sich, dass Oper und Film eben doch zwei Paar Schuhe sind. Prinzipiell kann man das nicht entscheiden, das muss man von Fall zu Fall beurteilen: Alvis Hermanis hat noch nie eine Oper inszeniert, Zimmermanns „Soldaten“ in Salzburg heuer waren trotzdem hervorragend. Wir haben das Glück, dass die Top-Regisseure wie Christof Loy, Keith Warner, Claus Guth, Peter Konwitschny immer wieder gerne am Theater an der Wien arbeiten. Aber wir werden einmal im Jahr einem jungen Regisseur die Chance geben, und in der Kammeroper haben wir jetzt vier bis fünf Produktionen pro Jahr, an denen nur junge Leute arbeiten sollen.
Nach der Trennung von Friedkin haben Sie die zweite Serie vom „Hoffmann“ letzte Saison selbst inszeniert. War das schwer für Sie?
Ich wollte ursprünglich Regisseur werden. Vor 20 Jahren habe ich diese Idee dann aufgegeben und mich für die Karriere des Kulturmanagers entschieden.
Haben Sie das je bereut?
Nein. Wenn ich das im Rückblick auf meine erfolgreiche Laufbahn hier sagen würde, wäre das schizophren. Der „Hoffmann“ ist eigentlich dazwischengekommen. Thomas Drozda, Generaldirektor der Vereinigten Bühnen, hat mich, als ich nicht nach Bregenz ging und im Theater an der Wien verlängerte, bestärkt, dass ich ab 2015 auch Regie am Theater an der Wien führen soll. Ich werde also wieder inszenieren.
Die Gagen von Sängern sind ja sehr unterschiedlich, die einen verdienen 2000 Euro im Monat, die anderen 20.000 Euro pro Abend.
Dieses Gerede über Luxusbeträge ärgert mich. Erstens sprechen wir nicht über die Gagen unserer jungen Sänger, das dürfen wir gar nicht, sie entsprechen dem internationalen Vergleich. Dafür sind die Künstler angestellt mit 14 Monatsgehältern, versichert usw. Und sie können Partien einstudieren, die sie an internationalen Häusern singen können. Zweitens: Die Leute sagen, 15.000 oder 20.000 Euro für drei Stunden sind eine Frechheit. Es wird aber vergessen, dass der Sänger vorher sechs Wochen probt, dafür bekommt er nichts, höchstens ein kleines Probenpauschale an manchen Häusern. Wenn er dann bei der Aufführungsserie krank ist, geht er mit Null nach Hause. Dieses Risiko vergisst man als Bürger gerne. Singen ist ein extrem anstrengender Beruf.
Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger bringt im März 2013 im Theater an der Wien Beethovens „Fidelio“ heraus, ein Opern-Newcomer, der gleich auf keinen Geringeren als Nikolaus Harnoncourt treffen wird. Ist das nicht riskant?
Das sehe ich nicht so. Es ist eher ein Vorteil, wenn ein Newcomer auf den Erfahrungsschatz eines Top-Dirigenten zurückgreifen und sich mit ihm austauschen kann.
Gibt es nicht schon zu viel Oper in Wien?
Nach unseren Auslastungszahlen nicht. Wir haben minimal 90, maximal 100 Prozent.
Wie kommen Sie mit dem designierten Festwochen-Intendanten Markus Hinterhäuser aus? Die Stimmung zwischen Ihnen soll frostig sein.
Markus Hinterhäuser hatte seinen ersten pianistischen Erfolg 1988 im Brahmssaal bei einem Konzert, das ich als Jeunesse-Leiter organisierte. Wir sind über die ganzen Jahre befreundet gewesen. Wir hatten Gespräche wegen der Festwochen und sind zu der Überzeugung gekommen, dass es keinen Sinn hat, eine echte Zusammenarbeit zu machen. Jeder kümmert sich ums Seine. 2014 vermieten wir das Theater an der Wien wie bisher an die Festwochen. Über 2015 und 2016 gibt es noch Verhandlungen.
Ihr Vertrag läuft bis 2018. Werden Sie nochmal weggehen aus Wien? Zum Beispiel an die Bayerische Staatsoper in München?
Schauen wir, was die Zukunft bringt. Die Bayerische Staatsoper wäre sicher attraktiv.
Ex-Staatsoperndirektor Holender, früher ein großer Kritiker von Ihnen, hat sich in den „Seitenblicken“ als Geyer-Fan geoutet. Ein Triumph?
Was wollen Sie hören? Ja, es ist eine Genugtuung. Aber wichtiger ist, dass das Theater an der Wien aus dem hiesigen Kulturleben nicht wegzudenken ist. Was mich noch mehr befriedigt, ist die internationale Reputation. Ob Sie nach Berlin, München, Hamburg, Paris, Brüssel oder London gehen, das Theater an der Wien gehört zu den Top Ten der europäischen Opernhäuser, wir haben ein tolles Image. Das macht mich stolz.
Roland Geyer, 1952 in Wien geboren, studierte Wirtschaftsmathematik und Sportwissenschaften. Er war zunächst in der EDV-Branche tätig, leitete die Jeunesse sowie die Festivals Klangbogen und Osterklang, bevor er Direktor im Theater an der Wien wurde.
Die nächsten Premieren im Theater an der Wien sind „Il Trittico“ von Puccini (Premiere: 10. 10.) und Glucks „Iphigénie en Aulide“ (ab 8. 11.). Die Kammeroper, neuerdings unter der Führung des Theaters an der Wien, wird am 8. 10. mit einem Konzert eröffnet, die erste Premiere ist „La Cambiale di Matrimonio“ von Rossini (ab 21. 10.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)

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