Pierre Boulez ist wieder da. Nach langer Krankheit hat er mit dem hoch engagierten Jugendorchester des Luzerner Festivals ein Programm mit zeitgenössischer Musik und Arnold Schönbergs „Erwartung“ einstudiert. Der Aufführung wohnte Boulez dann als Zuhörer in der Pariser Salle Pleyel bei, ein Assistent dirigierte – und Deborah Polaski gestaltete Schönbergs expressionistisch zerklüfteten Monolog. Die Diva tourt derzeit, um noch einmal einige der wichtigen Partien des hochdramatischen Fachs zu singen.
In Wien wird sie ab 20. September dreimal noch als Elektra zu hören sein, ehe sie in der Strauss-Oper von der Titelpartie zur Mutterrolle, der Klytämnestra, wechselt.
Pierre Boulez hat in den vergangenen Monaten übrigens wieder einmal ein älteres Werk überarbeitet, was bei ihm meist gleichbedeutend ist mit „neu komponiert“. Auch diese Novität wird in Paris zu hören sein, und zwar im Rahmen eines kleinen Jubiläumszyklus, den Georges Zeisel für seine verdienstvolle „ProQuartet“-Vereinigung arrangiert hat. Zeisel, ein Neffe des Wiener Komponisten Erich Zeisl (1905–1959), kümmert sich seit drei Jahrzehnten um die Pflege der Kammermusik, insbesondere der Streichquartettkultur in der französischen Hauptstadt und hat dort nicht zuletzt die Gastspiele des Alban Berg Quartetts über die Jahre hin arrangiert.
Valentin Erbens Kammermusikfestival
Anzutreffen war der umtriebige Musikfreund daher jüngst auch in Troyes, südöstlich von Paris. Aus gegebenem Anlass: Valentin Erben und seine Frau Christine richten dort ein Kammermusikfestival aus. Der ehemalige Cellist des Berg-Quartetts bittet exzellente Kollegen wie die Musiker des Belcea-Quartetts in die pittoreske Stadt, um dort Meisterkurse zu geben. Die Studenten, aber auch die „Meister“ treffen einander dann bei abendlichen Konzerten.
So kommt es zu ungewöhnlichen Begegnungen – etwa zwischen dem Wiener philharmonischen Soloflötisten Wolfgang Schulz und der Quartett-Primaria Corina Belcea, oder auch zwischen dem ungarischen Nádor Quartett und der jungen französischen Kontrabassistin Laurène Durantel, die sich in unnotierbar vertrackte Csárdás-Rhythmen einfühlte, als hätte sie ihr Lebtag in der Puszta musiziert – und nicht nur einen Kurs bei den Nádors absolviert.
Georges Zeisel bietet weniger Folkloristisches zum 30-Jahr-Jubiläum seiner „ProQuartet“-Vereinigung: Das Diotima-Quartett spielt im Theatre des Bouffes du Nord in Paris am 19. und 25. November sowie am 2. und 10. Dezember die späten Beethoven-Streichquartette und die vier Quartette Arnold Schönbergs. Von diesen Schlüsselwerken der Romantik bzw. der Moderne bilden die Sätze von Pierre Boulez' „Livre pour quatuor“ die Brücke in unsere Zeit. Die Neufassung des „Livre“ erlebt im Rahmen des Festivals ihre Weltpremiere.
Info: www.proquartet.fr
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2012)

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