Dass sich Bruckner-Symphonien und Mozart-Klavierkonzerte gut kombinieren lassen, haben erst vergangene Saison Daniel Barenboim und seine Staatskapelle Berlin im Musikverein bewiesen. Eine kluge Idee, die neue Saison – eine Jubiläumsspielzeit, denn die Gesellschaft der Musikfreunde feiert ihr 200-jähriges Bestehen – mit einem solchen Programm, wenn auch mit sehr anderen Interpreten, fortzusetzen.
Das Lucerne Festival Orchestra, 2003 gegründet, hat sich schnell einen festen Platz im internationalen Musikgeschehen erobert, vor allem durch eindringliche Mahler-Aufführungen von sich reden gemacht. Dass es sich nicht allein auf diesen Komponisten versteht, bewies es im Goldenen Saal mit Bruckners erster Symphonie.
Bruckners „keckes Beserl“
Eine Überraschung: Abbado, sonst auf deren erste Version, die „Linzer Fassung“, eingeschworen, wählte diesmal ihre Zweitversion, die „Wiener Fassung“. Das „kecke Beserl“, wie Bruckner seine c-Moll-Symphonie genannt hat, ist sie auch in dieser Gestalt. In ihrer eigenwilligen Rhythmik, in ihrer spezifischen Themengestaltung ist sie ein ideales Werk für Dirigenten, die sich nicht nur am – im weitesten Sinn – Schönklang eines Stücks entzünden, sondern sich in ihrer Deutung mit der Struktur befassen, Brüche herausarbeiten. Das hat Abbado seit jeher bei seinen Interpretationen von Bruckners Erster getan. Auch diesmal betonte er – bei allem Streben nach Schlankheit und Durchsichtigkeit – besonders die weit geschwungene innere Dramatik der Symphonie, die aus dem Orgelklang entwickelte blockhafte Gegenüberstellung der Instrumentengruppen, lenkte den Blick auf die für Bruckner typische Montagetechnik. Die Tempi entwickelte er ideal aus dem melodischen Fluss, zeigte sein Gespür für Übergänge, dynamische Schattierungen und auch – nicht erst im auftrumpfenden Finalsatz – für entsprechende Effekte.
Sicher folgten die Lucerner den Intentionen Abbados, beeindruckten durch Flexibilität, Prägnanz und Virtuosität bei den Bläsern, mehr durch Präzision als durch differenzierte Klanglichkeit bei den vom Konzertmeister der Camerata Salzburg, Gregory Ahss, angeführten Streichern.
Mozarts einziges G-Dur-Klavierkonzert (KV 453) hat Maurizio Pollini vor Jahren vom Pult aus mit den Wiener Philharmonikern im Musikverein aufgeführt: diskreter im Ton und verinnerlichter als Abbado jetzt. Dafür formulierte dieser den Orchesterpart ungleich vitaler als damals Pollini. In der Grundtendenz ist dieser italienische Meisterpianist seinem Mozartstil treu geblieben, er bestach durch Grandezza und schnörkellose Klarheit.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)

Richard WagnerDas umstrittene Genie und seine großen Opern
''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins