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Musikalische Wiener Bringschuld

21.09.2012 | 20:32 |   (DiePresse.com)

Renaud Capuçon ist Solist in der ersten CD-Aufnahme des Violinkonzerts von Alban Berg durch die Philharmoniker und gestaltet einen Zyklus im Musikverein.

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Man mag es nicht glauben, aber es ist wahr: Die Wiener Philharmoniker haben erstmals das Violinkonzert von Alban Berg für CD eingespielt. Mehr als ein Dreivierteljahrhundert war dieses Spitzenwerk der Wiener Moderne bereits alt, als es einem britischen Dirigenten und einem französischen Geiger gelang, den kuriosen Bann zu brechen. Dieser Tage wird die Neuerscheinung - die auch das ebenfalls am Wörthersee entstandene Gegenstück von Brahms enthält - in Wien präsentiert.

Solist Renaud Capuçon richtet den musikalischen Haussegen wieder gerade. Das Erste, was er in übersprudelnder Begeisterung von den Aufnahmearbeiten erzählt, hat mit dem Klang der Wiener Philharmoniker zu tun; und mit der Tatsache, dass Meister wie Berg diesen Klang „im Ohr" hatten, als sie ihre Werke schufen.
„Ich hatte das Stück oft gespielt", sagt Capuçon, „aber als ich die Wiener Philharmoniker spielen hörte, da dachte ich: Das ist es! Wenn diese Musiker Berg spielen, dann sprechen sie ihre Sprache. Als Franzose konnte ich da unendlich viel lernen, obwohl ich das Stück in- und auswendig kenne!"

Wiener Schule, Wiener Klang

Es geht, so erläutert der Musiker, um Fragen von Artikulation, Phrasierung, um die viel zitierte „Klangrede", die sich in Wien, scheint's, von selbst einstellt. „Beim Brahms-Konzert", sagt Capuçon, „war es dasselbe - man hat das Gefühl, Brahms hat mit den Musikern am Vortag noch gesprochen. Das ist Tradition im noblen Sinn des Wortes - dabei geht es ja nicht einfach darum, irgendetwas zu bewahren, weil es immer schon so war . . ."

Bergs Violinkonzert hat Renaud Capuçon bereits oft gespielt. „Ich habe das Gefühl", sagt der Geiger, „dass man mit dieser Musik viel erzählen kann." Eine Aussage, die scheinbar im Gegensatz zur Tatsache steht, dass Berg das Stück nach der Zwölftonmethode seines Lehrers Arnold Schönberg gearbeitet hat. Für manche Musikfreunden ist „Zwölftonmusik" gleichbedeutend mit konstruiert und schwer durchhörbar.
„Natürlich", sagt Capuçon, „sieht, wer diese analysiert, wie handwerklich perfekt sie gearbeitet ist. Vor allem aber weht ein wunderbarer musikantischer Geist darin. Ich liebe es, die Reaktion des Publikums zu erleben, wenn ich die letzten, in höchste Höhen ansteigenden Töne spiele: Da fühle ich immer, wie bewegt die Menschen sind."
Dieses Violinkonzert, so Capuçon, sei eines jener Stücke, „nach denen die Seele reicher ist, ich kann es nicht anders sagen. Diese Musik bewegt." Wiener Musikfreunde müssen zur neuen CD greifen, wenn sie das nachprüfen möchten.

Live können sie Renaud Capuçon im Musikverein hören - und das gleich mehrmals in dieser Spielzeit, denn es gibt einen Zyklus mit kammermusikalischen Werken von Brahms und Gabriel Fauré, ein Dauerbrenner des Repertoires der eine, selten gespielt hierzulande der andere.
„Es ist mir wichtig", sagt der Geiger, „Fauré ein bisschen bekannter zu machen. Er ist für mich so etwas wie der französische Brahms. Beide Komponisten haben viel Kammermusik geschrieben. Wir werden Klavierquartette, Violin- und Cellosonaten miteinander konfrontieren."
Wir, das sind die Brüder Capuçon, Renaud, der Geiger, und Gautier, der Cellist, die mit Freunden die Konzertserie gestalten. Dem Musikverein sind die beiden seit ihren Anfängen verbunden, als sie im Zyklus „Rising Stars" von Frankreich aus um die Welt geschickt wurden.

Isaac Sterns Guarneri

„Musikvereins-Intendant Thomas Angyan hat uns immer unterstützt und gibt uns nun die Chance, einen eigenen Zyklus zu gestalten." Im Großen, dem berühmten „Goldenen" Saal des Hauses, ist Renaud Capuçon übrigens schon als Teenager aufgetreten. Damals war er Konzertmeister des Gustav Mahler Jugendorchesters, mit dem er Tourneen unter Claudio Abbado, Pierre Boulez oder Franz Welser-Möst absolviert hat. Er kennt die Dinge des musikalischen Lebens also aus allen Positionen, sei es jener im Orchester, auf dem Kammermusikpodium oder als Solist.

Eine große Karriere hat ihm zu jener Zeit einer der bedeutendsten Meister seines Instruments prophezeit: „Isaac Stern hat mir nach einem Meisterkurs ein Empfehlungsschreiben mitgegeben, das wunderbar war. So wunderbar, dass ich mich gar nicht getraut habe, es je zu verwenden." Liebevolle Ironie des Schicksals: Als ein Sponsor Renaud Capuçon anbot, eine Meistergeige zu finanzieren, fiel die Wahl auf eine Guarneri del Gesù namens „Panette" von 1721. Es war das Instrument Isaac Sterns . . .

 

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