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Staatsballett: Verträumter neuer „Nussknacker“

08.10.2012 | 17:41 |  Von Isabella Wallnöfer (Die Presse)

Rudolf Nurejews Version des Ballettklassikers, der 1892 am Mariinski-Theater in St. Petersburg uraufgeführt wurde, kommt erstmals an die Wiener Staatsoper: elegant, romantisch, entzückend. Und bald im ORF zu sehen.

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Kaum sind die sommerlichen Temperaturen verflogen, macht sich auf der Bühne der Staatsoper weihnachtliche Stimmung breit: Leicht und luftig fällt der Theaterschnee auf die fantasiebegabte Clara, den von ihr imaginierten und so zum Leben erweckten Prinzen und die herrlichen Sternchen-Tutus, wenn das Corps de Ballett als glitzernde Flocken in einer wunderhübschen Formation zum „Schneeflockenwalzer“ über die Bühne trippelt. „Der Nussknacker“ steht wieder auf dem Programm – in Wien erstmals in der Choreografie von Rudolf Nurejew.

Er hat diesen Klassiker der Ballettliteratur, der 1892 am Mariinski-Theater in St. Petersburg uraufgeführt wurde, 1967 neu choreografiert. Seine Letztfassung, 1985 für das Ballett der Pariser Oper entstanden, ist nun in Wien zu sehen. Nurejews Choreografie changiert gewandt zwischen Traum und Wirklichkeit, hat viel klassische Eleganz, aber auch humorvolle Seiten und richtet sich mit spielerischen Elementen auch an ein junges Publikum. Entzückend, wie die bestens vorbereiteten Jung-Eleven der Ballettschule als tapfere Zinnsoldaten gegen die vom Rattenkönig kommandierten Nager antreten. Sogar eine kleine Kavallerie tritt auf, mit umgeschnallten Pferden und einem forschen, kindlichen Nussknacker-Prinzen (Trevor Hayden) als Anführer. Er ist es, von dem Clara schwärmt, die in der literarischen Vorlage von E. T. A. Hoffmann („Nussknacker und Mausekönig“) noch Marie heißt: „Er trug ein sehr schönes violett glänzendes Husarenjäckchen mit vielen weißen Schnüren und Knöpfchen, ebensolche Beinkleider und die schönsten Stiefelchen, die jemals an die Füße eine Studenten, ja wohl gar eines Offiziers gekommen sind.“

Liudmila Konovalova tanzte zur Premiere die verträumte Clara, die den Nussknacker gegen ihren groben und eifersüchtigen Bruder Fritz (ein Energiebündel: Davide Dato) verteidigt. Sie ist der perfekte Backfisch: zu reif, um trotz Masche im Haar noch als kleines, unschuldiges Mädchen durchzugehen, aber auch so frisch, dass einem ob der ersten Verliebtheit das Herz aufgeht. An ihrer Seite war Vladimir Shishov als geheimnisvoller Drosselmeyer und eleganter Prinz zu erleben, der sich – ganz wie es der Vorstellung Nurejews entsprach – als galanter Partner seiner Ballerina erweist und mit sprunggewaltigen Solos begeistert.

Flucht in den romantisch verschneiten Park

Nicholas Georgiadis' Bühnenbild und seine Kostüme beschwören zunächst einen gutbürgerlichen Haushalt aus der Zeit um 1900 herauf – mit etwas verstaubt wirkenden Kandelabern, blinden Spiegeln und Damenkleidern, die das Tanzen so gut wie unmöglich machen. Doch weil Traum und Wirklichkeit gerade in dieser Produktion einander so nah sind, flüchtet Clara im Traum mit ihrem Prinzen schon bald in den romantisch verschneiten Park des Zarenpalastes in St. Petersburg (ein russischer Touch hat im klassischen Ballett noch nie geschadet), während der „Blumenwalzer“ im zweiten Akt „etwas vom verschwenderischen Prunk des 18. Jahrhunderts“ hat, wie Georgiadis feststellte. Ebenso abwechslungsreich erklangen die von Tschaikowsky komponierten musikalischen Stimmungen aus dem Orchestergraben (Leitung: Paul Connelly). Am Ende ist es die eindrucksvolle Gesamtleistung, die diesen Abend in beste Erinnerung rückt: tolle Solisten, herzige Eleven, fantasieanregende Kostüme, ein weitgehend harmonisch und sicher wirkendes Ballettensemble und das versierte Orchester ernteten verdient tosenden Schlussapplaus. Der ORF filmte mit – und wird das Stück im Weihnachtsprogramm zeigen. Gut so, denn die Vorstellungen sind bestimmt rasch ausverkauft.

Zum Stück
„Der Nussknacker“ wurde 1892 im Mariinski-Theater in St. Petersburg uraufgeführt – die Choreografie stammte von Lew Iwanow, die Musik von Peter Iljitsch Tschaikowsky, das Libretto (nach E. T. A. Hoffmann) von Marius Petipa. Rudolf Nurejews Fassung wurde 1967 in Stockholm uraufgeführt, 1985 entstand für die Pariser Oper die Letztfassung, die nun an der Staatsoper zu sehen ist.

Weitere Termine: 9., 12., 15., 26. Oktober und 23., 27., 28. Dezember jeweils 19.30 Uhr; 25. Dezember: 13 und 20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)

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1 Kommentare

Der ORF filmte mit?

Brav!

Wieder ein Grund mehr, sich auf Weihnachten zu freuen!


Sinkothek