Mozart: Ältere Musikfreunde beschwören da gern die Erinnerung an eine „Selbstverständlichkeit“ des Musizierens. Längst aber zählen seine Werke zu den schwierigsten des Kanons, auch und gerade an der Wiener Staatsoper. Die Musik kaum eines anderen Opernkomponisten wurde von aufführungspraktischen Erkenntnissen so umgekrempelt wie die seine – eine Entwicklung, gegen die sich die im Graben agierenden Wiener Philharmoniker lange Zeit zäh gewehrt haben. Gottlob hat hier mittlerweile gemeinsam mit der Musikergeneration auch die Haltung gewechselt.
Doch fehlt der Plan, das möglich Gewordene optimal zu nützen. Für ein gern nach beiden Richtungen profiliertes Mozart-Bild reicht es jedenfalls nicht, im nur halb geprobten Repertoire einmal einen jungen Dirigenten wie Jérémie Rhorer einzusetzen und am nächsten Abend einen noch jüngeren, traditioneller geprägten wie James Gaffigan: Zielte jener bei „Le nozze di Figaro“ auf ein historisch zugespitztes Klangbild, dessen teils höchst hurtige Tempi vom Orchester erst nach überraschten Holperern übernommen wurden, unterlief es diesem in einer insgesamt opulenter tönenden, spannungsreicheren Vorstellung von „Don Giovanni“, die hellstimmig klare Donna Anna von Marina Rebeka ausgerechnet vor ihren heikelsten Koloraturen aus dem Tritt zu bringen ...
Die historisierenden, immerhin auf genauer Textlektüre fußenden Inszenierungen, für die Dominique Meyer Jean-Louis Martinoty nach Wien geholt hat, wurden von Anfang an großteils harsch kritisiert: Ob für die an beiden Abenden ins Schwimmen geratene Sängerintonation Hans Schavernochs vor allem aus Fotoprospekten bestehenden Bühnenbilder mitverantwortlich seien, weil sie das Hören erschwerten?
Immerhin bleiben vom Geschehen im vielfach dunklen Raum liebevoll ersonnene Regiedetails im Gedächtnis: Wenn die Gräfin der Olga Bezsmertna Cherubino auf dem Klavier begleitet, blättert ihr der Jüngling nicht nur um, sondern gerät improvisierend ins Schwärmen wie Stolzing auf der Festwiese – weshalb die momentan ratlose Gräfin erst wieder bei der Reprise hineinfindet. Fehlte nur noch ein weniger kindischer als vielmehr auch und besonders vokal pubertär glühender Cherubino als Lena Belkina ihn vermitteln konnte. In der Personenzeichnung nämlich hapert es: Eine die Psychologie der Figuren erklärende Interaktion gibt es selten, öfter werden die Charaktere durch allerlei Statisterie nur indirekt erhellt, besonders in „Don Giovanni“. Diesen gab Peter Mattei als fast zynisch agierenden, geschäftsmäßigen Verführer, der zumindest das Ständchen ausnehmend schön sang – ein Punktesieg vor dem am Vortag als Graf engagierten Pietro Spagnoli, der ausgerechnet seine Arie mit einem Texthänger begann. Doch blieben letztlich beide Baritone irgendwo zwischen Noblesse und Blässe hängen.
Neues Mozart-Ensemble? Noch nicht!
Hieß es nicht, das Haus bilde ein neues Mozart-Ensemble heran? Noch scheint das Probieren nicht beendet, etwas wahllos debütieren Gäste und Ensemblemitglieder in neuen Partien: Benjamin Bruns empfahl sich mit der lyrischen der Ottavio-Arien, während Alexandra Reinprecht mit der Elvira erhebliche stimmliche Mühe zeigte, dem bemühten Figaro Markus Werbas das sonore Bassfundament fehlte und Wolfgang Bankls robuster Leporello hörbar nördlich der Alpen italienisch gelernt hat. Immerhin hinterließ die brave Ileana Tonca (Zerlina) mehr Eindruck als die international hoch gehandelte Miah Persson als Susanna. Zuletzt zweimal Touristenjubel: heftig, kurz und für alle.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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