Buster Keaton hätte es nicht besser hinkriegen können. Denn sogar bei der absurd komischen, durch ihre auf die Spitze getriebenen Aufschneidereien geradezu grotesk anmutenden fünften Variation im langsamen Satz von Beethovens Streichquartett op. 18/5 gelang es den Mitgliedern des Hagen-Quartetts, eine ungerührt ernste Miene zu behalten, welche „The Great Stoneface“ der Stummfilmära alle Ehre gemacht hätte. Dabei kosteten sie den unerhörten Witz dieser Musik in ganzer Drastik aus. Der junge Beethoven treibt hier ja Allotria gleich auf mehreren Ebenen.
Als ganz normal und sogar ratsam galt noch, dass er zu Studienzwecken Mozarts A-Dur-Quartett KV 464 nicht bloß abschrieb und genau studierte, sondern auch, dass er es als Vorbild heranzog für dieses eigene Quartett in der gleichen Tonart. Mit selbst ersonnenen Themen den formalen Aufbau, Verlauf und die Klangcharaktere eines vorhandenen Werkes nachzuahmen, war als Kompositionsmethode gang und gäbe. Im Variationensatz führt Beethoven dieses Prinzip freilich ins Extrem: Er besitzt nicht nur die Chuzpe, statt wie Mozart ein gesangliches Thema aufzustellen, dem Satz kaum mehr als eine ab- und aufsteigende Tonleiter zugrunde zu legen, sondern überbietet der Reihe nach auch Mozarts Variationsstrategien.
Stampf- und Springtanz. Der Gipfel ist die oben beschriebene Passage. Wo sich bei Mozart „nur“ ein amüsanter Marschrhythmus einnistet, lässt Beethoven sein Quartett in einen völlig über die Stränge schlagenden Stampf- und Springtanz ausbrechen, eine Art von Zirkusmusik – als wollte er sagen: Schaut her, ich kann mit noch weniger noch mehr schaffen! Das Hagen-Quartett machte das prahlerische Selbstbewusstsein und die Ironie dieses Vorgangs sonnenklar, ja wusste überhaupt das ganze Werk als Musik wie unter Anführungszeichen zu präsentieren: die labile Galanterie des Stirnsatzes, dessen Floskelhaftigkeit die vier durch kleine Zäsuren betonten, die subtil verhatschten, weil auch verlängerten Sforzatoakkorde im Trio, das rasante, aber sich mit einem Augenzwinkern verflüchtigende Finale.
Überhaupt war bei diesem dankbar akklamierten Auftakt zu einem kompletten Beethoven-Zyklus mit dem Hagen-Quartett im Wiener Konzerthaus, der sich über eineinhalb Saisonen erstrecken wird, über kleine, nicht weiter störende Unsauberkeiten hinweg vor allem eines zu bewundern: die Fähigkeit dieses Ensembles, die einzelnen Werke als Gesamtheit zu begreifen und darzustellen.
Das so sehnsüchtig mit einem Septimensprung anhebende D-Dur-Quartett op. 18/3, das Beethoven ursprünglich an den Beginn des halben Dutzends seiner ersten veröffentlichten Quartettkompositionen stellen wollte, entwickelten die Hagens ganz aus der dadurch exponierten Empfindsamkeit: Nachdenklich, mit schmelzendem Ton und verträumt breiteten sie den Grundcharakter aus, welcher jede Rustikalität, die andere Quartette dort und da ausbreiten, zur bloßen Andeutung abschwächte. Sogar im turbulenten Finale konnten sie das schlüssig durchziehen, die Ausgelassenheit als gleichsam äußere Zutat präsentieren, der nicht völlig zu trauen sei.
Erfrischend, intelligent. Nach der Pause dann das erste der späten Quartette, jenes in Es-Dur op. 127, interpretiert als Spiel der Kontraste, die doch überraschend im Gleichgewicht bleiben, obwohl sie unversöhnlich wirken: das immer wieder eingreifende, pompöse Motto und seine lyrische Antwort im ersten Satz, das Gefälle zwischen satten und fahlen Klängen, Kantabilität und Bizarrerien im Adagio.
Im mehrfach gestörten Scherzando-Menuett führten die merkwürdigen, stets geheimnisvoll gedeuteten, geradtaktigen Einschübe nur zögerlich-mühevoll ins 3/4-Metrum zurück und wechselten mit einem irrwitzig gedeuteten Trio. Im Finale folgte ein weiter Bogen zwischen emphatischer Vorhalts-Dehnung im Hauptthema und saftig ausgespielten Fortissimo-Höhepunkten: ein erfrischender, intelligenter Abend. ?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

Richard WagnerDas umstrittene Genie und seine großen Opern
''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins