Israel Philharmonic – dieses Orchester besteht aus lauter exzellenten Musikern. Bei jedem kleinsten Solo kann man das hören. Nichts scheint den Damen und Herren Mühe zu bereiten. Vielleicht, ließe sich ketzerisch mutmaßen, fällt ihnen das Spielen allzu leicht . . .
In Hindemiths Symphonie „Mathis der Maler“ flöten und geigen die Cherubim und Seraphim im einleitenden „Engelkonzert“ mit hinreißender Nonchalance. Musizieren? Die schönste Nebensache der Welt.
Zubin Mehta gibt mit seinen gewohnt klaren Schlägen die nötige Sicherheit. Leichtigkeit ist Trumpf. Größere Anstrengungen, auch zur Steigerung der Expression, können vermieden werden. In der „Grablegung“ des Mittelsatzes – der ja eigentlich mitleiderregend einem toten Mädchen gelten sollte –, ja selbst angesichts der Geistererscheinungen in der „Versuchung des Heiligen Antonius“. Die klingen diesmal weniger, als wären sie von Mathis (alias Matthias Grünewald) gemalt. Eher schon von Gottfried Kumpf: freundliche Steppenmännchen. Die sind so wenig zum Fürchten, wie die geradezu im Schlendertempo genommene finale Choralbearbeitung respektgebietende Glaubenskraft zu suggerieren vermöchte.
Mozarts Sinfonia concertante für Geige und Bratsche dann. Endlich einmal, denkt man, schrummt und zirpt kein Originalklang-Ensemble, sondern ein veritables Symphonieorchester. Die Israelis klingen auch satt und saftig, trotz Sparbesetzung. Doch verschleifen sie jede Phrase ohne beredte Artikulation. Auch die Solisten Ilja Konovalov und Roman Spitzer scheinen eher interessiert, einander zu überholen als miteinander einen angeregt-anregenden Dialog zu führen.
Dafür brilliert Konovalov dann im berüchtigt heiklen Solo von Richard Strauss' „Zarathustra“ mit leuchtendem, bis in die allerhöchsten Ekstasetöne der Tanzsequenz brillantem Ton. Und seine Kollegen umgeben ihn mit herrlich schwebenden, in allen Farben funkelnden Klangkaskaden. Strauss' Partitur ist technisch anspruchsvoll genug, dass der Sportsgeist der Musiker erwacht – und plötzlich stellt sich jenes totale Engagement ein, ohne das große Musik nicht sein kann. Ja, sie sind ein Weltorchester. Zuweilen machen sie auch Gebrauch davon. sin
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)

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