In München wünschte man sich nach 1945 nicht bloß ein großes Rundfunkorchester, sondern einen international auf hohem Niveau konkurrenzfähigen Klangkörper, bestellte mit Eugen Jochum, Rafael Kubelik, Sir Colin Davis, Lorin Maazel und – seit Herbst 2003 – Mariss Jansons daher stets erste Dirigenten zu Chefdirigenten. Jetzt kann man die Ernte einfahren: Die Rundfunksymphoniker von der Isar gelten als das beste Rundfunkorchester der Welt – mehr noch: Sie werden auf gleiche Stufe gestellt mit den Berliner Philharmonikern. Bestenfalls ein oder zwei der großen amerikanischen Orchester können mit der Präzision und Prägnanz ihrer Blechbläser konkurrieren. Auch die Streicher – sonst die Achillesferse von Rundfunkorchestern – warten mit einer Klangpalette auf, wie man sie sonst nur von traditionsreichen großen Orchestern gewohnt ist.
Zu danken ist diese Entwicklung Mariss Jansons und seiner unerbittlichen Probenarbeit, ebenso seiner klugen Programmpolitik. Auch hier überlässt er nichts dem Zufall. Diesmal kombinierte er Wiener Tradition mit russischer Musik, die Vierte Brahms mit zwei Werken, bei denen neben dem Orchester das Klavier Wesentliches zu sagen hat: Schostakowitschs erstes Klavierkonzert und Rodion Schtschedrins „Selbstportrait“ aus dem Jahr 1984.
Fesselnder Schostakowitsch
Wie immer man dieses atmosphärisch abwechslungsreiche, autobiografisch gefärbte Opus von Schtschedrin, einem engen Freund Schostakowitschs, einordnet: Es ist handwerklich untadelig gearbeitet und fordert die klangliche Wandlungsfähigkeit eines Orchesters effektvoll.
Damit war es eine gute Einstimmung für das ungleich mehr Virtuosität, Brillanz, aber auch walzerselige Melancholie fordernde erste Schostakowitsch-Klavierkonzert. Fesselnder, aber auch bewegter als Jansons, seine exzellenten Musiker und die fulminanten Solisten Yefim Bronfman (Klavier) und Hannes Läubin (Trompete) – die einen mitreißenden kurzen Bernstein draufgaben – kann man dieses c-Moll-Opus nicht spielen.
Ideal disponiert, exzellent in den Übergängen und in der Wahl der Tempi war auch der offizielle Schlusspunkt dieses Abends, eine kraftvoll gezeichnete, spannungsgeladene, mit viel feinen Details gezeichnete Vierte Brahms, der zwei ebenso leidenschaftlich bewegte Encores von Brahms und Strauß folgten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2012)

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