Das mit dem Klavierspielen scheint doch gar nicht so schwer zu sein. Wüsste man es aus leidvoller Erfahrung nicht besser, so würde sich dieser Eindruck jedenfalls ein ums andere Mal aufdrängen, wenn man Rudolf Buchbinder bei der Arbeit zusieht. Egal, ob der Wiener Pianist gerade Beethovens Diabelli-Variationen, die h-Moll-Sonate von Chopin, oder – wie am Montag im Wiener Musikverein – Gershwins Klavierkonzert in F unter den Fingern hat: Buchbinder legt bei allem gebotenen Ernst, mit dem er sich jedem Stück widmet, eine Lockerheit an den Tag, die schon fast beängstigend ist.
Scheinbar völlig mühelos tanzen die Finger in schwindelerregendem Lauf über die Tasten, wie en passant werden vollgriffige Akkorde mit absoluter Treffsicherheit in den Steinway gehämmert, und Buchbinder unterstreicht mit seiner nuancierten Anschlagkultur eine alte Klavierlehrerweisheit: Technik ist nicht alles, aber ohne Technik ist alles nichts.
Buchbinder, der es sonst selten unter dem Äquivalent von zwei Brahms-Konzerten pro Abend gibt, beschied sich diesmal mit Gershwin, war er doch im Grunde nur der Gast – im ersten von vier Konzerten, für die das Pittsburgh Symphonie Orchestra unter seinem österreichischen Chef Manfred Honeck gerade in Wien residiert.
Farben, Farben, Farben
Am Montag eröffneten sie den Reigen mit einem klassisch amerikanischen Programm, in dessen Zentrum Gershwin stand (mit exquisitem Trompetensolo im Mittelsatz!). Den Auftakt hatte zuvor Steven Stuckys Auftragswerk „Silent Spring“ gebildet. Stucky behelligt seine Zuhörer nicht mit übermäßigem Dissonanz-Gebrauch und erweist sich vor allem als raffinierter Klangfarbenzauberer, in einem Maße, dass die Noten manchmal nur als notwendiges Vehikel für den Farbauftrag wirkten.
Farbe war auch das bestimmende Element in Honecks Interpretation von Dvořaks „Symphonie aus der neuen Welt“: Das Blech strahlte in den Ecksätzen, dass es eine Freude war, und die Streicher präsentierten sich in fein abgestuften Farbschattierungen. Auch die wechselnde Abmischung der beiden Instrumentengruppen geriet durchaus spannend.
Schade nur, dass Honeck und seine Musiker nicht dieselbe Aufmerksamkeit auf die Gestaltung der Melodielinien legten. Besonders die Holzbläser-Soli gerieten mitunter recht gleichförmig. Vielleicht ein Mitgrund dafür, dass Dvořaks Neunte diesmal keinen in letzter Konsequenz bezwingenden Eindruck hinterließ.
Weitere Konzerte mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra und Manfred Honeck im Wiener Musikverein: Do. 1. 11. (Willi, Mozart); Fr. 2. 11. und Sa. 3. 11. (Mahler).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2012)

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