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Konzerthaus: Schubert bleibt das große Rätsel

01.11.2012 | 16:25 |   (Die Presse)

Das Artemis-Quartett stellte sich im Wiener Konzerthaus zum Saisoneinstand mit der neuen lettischen Primaria Vineta Sareika vor – und verblüffte selbst geeichte Kammermusikkenner mit Ginastera.

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Seit August musiziert das Artemis-Quartett geführt von der lettischen Geigerin Vineta Sareika. Sie musiziert so virtuos wie ihre Kollegen. Und versteht es auch, sich zurückzunehmen, wenn etwa Friedemann Weigle inmitten des f-Moll-Quartetts von Mendelssohn sich kurzfristig in den Vordergrund spielt. Und die Bedeutung seines Parts im demokratischen Viergesang auch dann noch klar zu artikulieren versteht, wenn dieser längst wieder harmonisch im tönenden Formenspiel aufgeht.

Dergleichen demonstriert auch die handwerkliche Kunstfertigkeit eines Komponisten. Die Vielschichtigkeit von dessen letztem Streichquartett drohte sonst leicht hinter der leidenschaftlich drängenden Attitüde: Mendelssohn komponiert ja auch den Schmerz über den Tod seiner geliebten Schwester Fanny. Das Artemis-Quartett, abgesehen von seiner meisterlichen klanglichen Differenzierungskunst, übertreibt denn auch den vorwärtsdrängenden Gestus, musiziert so rastlos, als publiziere ein Poet einen höchst artifiziell formulierten Text ohne Punkte und Beistriche.

Einen ganzen Allegro-Satz, ohne einmal Atem zu holen, das ermüdet. Vor allem aber bleibt die Deutlichkeit auf der Strecke.

Bei Schubert grenzt diese Manier dann ans Fahrlässige: Dem G-Dur-Quartett kommt man so nicht bei. Die grellen Verzweiflungsgesten im Andante, sie sollten jähe, überraschende, herzzerreißende Urlaute sein – wie Gustav Mahler sie sich später zum Vorbild nahm. Sie werden abgewickelt, als wären sie Verwandte jener von Strawinsky abgeschauten, kalkulierten Off-Beat-Akzente, mit denen Alberto Ginastera sein Zweites Streichquartett von 1958 würzt.

Dort sind sie zusätzliche Reize in einem faszinierenden, energetisch pulsierenden „Dissonanzen-Quartett“ der besonderen Art. Auf zwölftöniger Basis erkundet der argentinische Meister die Möglichkeiten von Spannung und Entspannung in einem frei-tonalen Raum, harmonisch an Bartóks mittlerer, kühnster Phase orientiert, rhythmisch auch an den Herzschlägen der Musik seiner lateinamerikanischen Heimat.

Die Mixtur fesselt. Sie kündet überdies von einer raffinierten Kombinationsgabe, die den meisten mitteleuropäischen Avantgardisten abgeht: Ginastera spielt souverän mit unserem tonalen Balancegefühl – und das Artemis-Quartett hat eine Trumpfkarte auszuspielen, die selbst geeichte Kammermusikkenner verblüfft. sin

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2012)

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1 Kommentare
Gast: McBesser
01.11.2012 21:42
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demonstriert die handwerklichen Defizite eines Rezensenten: "Die Vielschichtigkeit von dessen letztem Streichquartett drohte sonst leicht hinter der leidenschaftlich drängenden Attitüde" - ein sin-loser Satz. Und während der Cellist "die Bedeutung seines Parts im demokratischen Viergesang klar zu artikulieren versteht" (eine sin-lose Phrase), bleibt die "Deutlichkeit auf der Strecke". Dem Artemis-Quartett Fahrlässigkeit bei Schubert vorzuwerfen, grenzt an bornierte Unverschämtheit - da fehlt angesichts der sin-igen Hymnen an weit geringere Musiker völlig das stilistische Balancegefühl...

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