Philharmoniker: Wenn Riccardo Muti gerade nicht da ist

Andrés Orozco-Estrada übernahm kurzfristig die Leitung des Abonnement-Konzerts mit Schuberts"Tragischer".

Philharmoniker Wenn Riccardo Muti
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Philharmoniker Wenn Riccardo Muti
(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Andrés Orozco-Estrada springt ein. Schon zum zweiten Mal übernahm der Chefdirigent der Tonkünstler ein philharmonisches Konzert in letzter Minute. Die Chance, dass er demnächst einen offiziellen „Debüt“-Termin am Sonntagvormittag zugewiesen bekommt, steigt also beträchtlich. Der Südamerikaner ist ein Energiebündel und sorgt für sympathische Bewegung am Pult.

In der Regel setzt sich das auch in musikalischen Schwung um – in „Drive“, würde man angesichts des jugendlich beschwingten Maestros vielleicht lieber sagen. Wie manch ein Kapellmeister dieses Kalibers hat Orozco-Estrada allerdings einige Mühe, etwa eine langsame Einleitung klassizistischer Bauart – zum Beispiel jene zu Luigi Cherubinis 1815 für ein London-Gastspiel komponierte Ouverture in G-Dur oder auch jene zu Schuberts c-Moll-Symphonie – mit Spannung zu erfüllen. Mit jener Sogwirkung, die Takte nicht leblos nebeneinanderstehen lässt, sondern zielführend einem kraftvollen Allegro-Beginn zuführt.

Dafür haben die Allegro-Abschnitte dann Zug, bewegen sich sozusagen automatisch con brio, auch wenn vorschriftsmäßig etwa „spiritoso“, also geistvoll musiziert werden sollte. In der Wiedergabe von Schuberts „Tragischer“ schlich sich zuletzt mehr und mehr rhythmischer Schlendrian ein, verschwammen die Konturen.

 

Impressionismus vom Reißbrett

Was blieb, war spürbarer Tempodruck, der auch die dynamischen Verbindlichkeiten nivellierte. Schon der langsame Satz erklang mehrheitlich in einheitlichem Forte. Nun mögen leichte Verwerfungen metrischer Strukturen bei Schubert als lässliche Sünde durchgehen. In der Musik von Igor Strawinsky entpuppen sie sich als Kardinalfehler. Zwar hat Konzertmeister Rainer Honeck seinen Solopart minutiös einstudiert und ihn mit größtmöglicher Präzision absolviert. Doch wenn „hinter ihm“ die messerscharf geschnittenen Begleitmuster zum impressionistischen Tableau verschwimmen, bleibt von der spielerischen Reißbrettästhetik des Komponisten nicht viel übrig. Honeggers Zweite, die Riccardo Muti ursprünglich an diesem Vormittag dirigieren wollte, hätte sich für diese Gangart besser geeignet. Aber man musste nach der Absage des Maestro auf Nummer sicher gehen: Das „Concerto in D“ steht derzeit auch in der Staatsoper als Ballettmusik auf dem Programm . . . sin

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2012)

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