Philharmoniker: Wenn Riccardo Muti gerade nicht da ist

04.11.2012 | 18:47 |   (Die Presse)

Andrés Orozco-Estrada übernahm kurzfristig die Leitung des Abonnement-Konzerts mit Schuberts"Tragischer".

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Andrés Orozco-Estrada springt ein. Schon zum zweiten Mal übernahm der Chefdirigent der Tonkünstler ein philharmonisches Konzert in letzter Minute. Die Chance, dass er demnächst einen offiziellen „Debüt“-Termin am Sonntagvormittag zugewiesen bekommt, steigt also beträchtlich. Der Südamerikaner ist ein Energiebündel und sorgt für sympathische Bewegung am Pult.

In der Regel setzt sich das auch in musikalischen Schwung um – in „Drive“, würde man angesichts des jugendlich beschwingten Maestros vielleicht lieber sagen. Wie manch ein Kapellmeister dieses Kalibers hat Orozco-Estrada allerdings einige Mühe, etwa eine langsame Einleitung klassizistischer Bauart – zum Beispiel jene zu Luigi Cherubinis 1815 für ein London-Gastspiel komponierte Ouverture in G-Dur oder auch jene zu Schuberts c-Moll-Symphonie – mit Spannung zu erfüllen. Mit jener Sogwirkung, die Takte nicht leblos nebeneinanderstehen lässt, sondern zielführend einem kraftvollen Allegro-Beginn zuführt.

Dafür haben die Allegro-Abschnitte dann Zug, bewegen sich sozusagen automatisch con brio, auch wenn vorschriftsmäßig etwa „spiritoso“, also geistvoll musiziert werden sollte. In der Wiedergabe von Schuberts „Tragischer“ schlich sich zuletzt mehr und mehr rhythmischer Schlendrian ein, verschwammen die Konturen.

 

Impressionismus vom Reißbrett

Was blieb, war spürbarer Tempodruck, der auch die dynamischen Verbindlichkeiten nivellierte. Schon der langsame Satz erklang mehrheitlich in einheitlichem Forte. Nun mögen leichte Verwerfungen metrischer Strukturen bei Schubert als lässliche Sünde durchgehen. In der Musik von Igor Strawinsky entpuppen sie sich als Kardinalfehler. Zwar hat Konzertmeister Rainer Honeck seinen Solopart minutiös einstudiert und ihn mit größtmöglicher Präzision absolviert. Doch wenn „hinter ihm“ die messerscharf geschnittenen Begleitmuster zum impressionistischen Tableau verschwimmen, bleibt von der spielerischen Reißbrettästhetik des Komponisten nicht viel übrig. Honeggers Zweite, die Riccardo Muti ursprünglich an diesem Vormittag dirigieren wollte, hätte sich für diese Gangart besser geeignet. Aber man musste nach der Absage des Maestro auf Nummer sicher gehen: Das „Concerto in D“ steht derzeit auch in der Staatsoper als Ballettmusik auf dem Programm . . . sin

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2012)

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10 Kommentare
Gast: Tonkünstler und Estrada-Fan
04.11.2012 22:34
3 1

wirklich nicht wahr!

So ein Blödsinn! Dass es nur ein Lebloses Nebeneinander der Takte sein soll, wenn Estrada Langsames dirigiert, kann nur auf einen eigenartigen Geschmack des Kritikers zurückzuführen sein! Kaum ein anderer versteht es, so stimmungsvoll zu dirigieren.
Dass die Begleitung im Stravinsky Konzert ungenau war, liegt zu 100% auch nicht an ihm. Ich habe noch nie einen Dirigenten erlebt, der so präzise und klar schlägt wie er. Es ist einfach nur sichtbar geworden, dass die Philharmoniker auf unbekanntem, nicht ins Repertoire fallenden Terrain alles andere als sattelfest sind. Doch da es die Wiener Philharmoniker sind, werden die Kritiker es nie wagen, sie zu beschuldigen. Es wird immer jemand anderer der Sündenbock sein.
Seht endlich, dass die Philharmoniker schon lange nicht mehr die Einzigen sind! Ein vergleichsweise kleines (nicht die Größe betreffend, sondern den Bekanntheitsgrad, das Budget, den Status, die Anerkennung) Orchester wie die Tonkünstler steht ihnen schon lange in nichts mehr nach!

Antworten Gast: Gabriel Adorno
05.11.2012 09:04
2 1

Re: wirklich nicht wahr!

Schönreden nützt niemanden etwas. Philharmoniker und Tonkünstler in einen Topf, wie hier geschehen, zu werfen, geht an der Realität vorbei. Große Begabung allein ist oft noch zu wenig. Übrigens: das Strawinsky-Violkinkonzert ist philharmonischer (=Opern-) Alltag ....

Re: Re: wirklich nicht wahr!

1. Spielen die Philharmoniker Tag und Nacht zusammen, was natürlich ein selbstverständliches Zusammenspielen und einen guten gemeinsamen Klang ergibt.
2. Man beachte: die Wr. Philharmoniker/Staatsopernorchester haben ein Gehalt und einen Ruf, der zu den Probespielen von vornherein eine viel größere Anzahl an Kandidaten anlockt. Aus diesem Grund kommen mehrere gute nationale und internationale Kandidaten und die Jury kann aus einem viel größeren Pool wählen. Die Tonkünstler haben im Vergleich einen viel schlechteren Ruf und wesentlich weniger Gehalt. Die Attraktivität ist deshalb kleiner, es kommen weniger gute Kandidaten.
UND TROTZ ALL DEM: Wie weit haben sie es innerhalb kürzester Zeit geschafft! Sie haben sich vom viel-belächelten Provinzorchester zu einem Orchester entwickelt, das international mithalten kann. Und man kann sie sehr wohl auch mit den Philharmonikern vergleichen! Die guten Konzerte sind um nichts schlechter! Sie mögen öfter weniger gute haben, das ist noch ein Unterschied. Denn sie sind in der Aufbauphase. Aber gebt ihnen noch ein paar Jahre und endlich den verdienten Respekt!
P.S.: Wenn das Strawinsky-Violinkonzert philharm. Alltag ist: warum herrschte dann am Samstag so ein Chaos? An Orozco-Estrada kann es nicht gelegen sein, denn sein Schlag ist präzisest!

0 1

Re: Re: Re: wirklich nicht wahr!

Zu den Probespielen in der Staatsoper kommen weniger Bewerber, aber bessere. Das ist der Unterschied. Anmeldungen für Probespiele gibt es bei den Tonkünstlern weitaus mehr.
Und ob das Dirigat von Herrn Orozco präzise ist oder nicht, können Sie nur beurteilen, wenn Sie unter ihm gespielt haben. Ich hoffe, das ist der Fall, ansonsten ist Ihre Einschätzung leider wertlos.

Re: Re: Re: Re: wirklich nicht wahr!

Das kann sein, dass es dort weniger Bewerbungen gibt. Die Anzahl ist ja auch nicht ausschlaggebend.
Gespielt habe ich unter Herrn Orozco leider nicht. Aber ich denke, man kann auch im Publikum sitzend erkennen, ob jemand klar schlägt oder nicht. Aber ich kann mich natürlich auch irren.
So wie jeder andere hier auch...

0 0

Re: Re: Re: Re: Re: wirklich nicht wahr!

Sie haben geschrieben: "die Jury kann aus einem viel größeren Pool wählen", darauf habe ich mich bezogen. Es kann leicht sein, dass der Schlag eines Dirigenten für das Publikum klar aussieht, für das Orchester aber völlig unbrauchbar ist. Ihre einzige Möglichkeit, einen Dirigenten zu beurteilen ist die Frage, ob das Orchester gut oder schlecht klingt. Im übrigen will ich Ihnen überhaupt nicht Ihren Enthusiasmus für die Tonkünstler und Herrn Orozco verderben, sie leisten tolle Arbeit.

Wenn Riccardo Muti gerade nicht da ist


fehlt er nicht, es gibt für jeden menschen einspringer und ersatz!

"Ersatz" gibt's immer -

auch für Sie (und sogar für mich)! Hier geht es aber um die gleiche Qualität - und zudem sei die Frage gestattet: Wo blieb nun Honegger?

Antworten Antworten Gast: Informierter
05.11.2012 08:36
3 2

Re: "Ersatz" gibt's immer -

Keiner der gefragten Dirigenten konnte in der kurzen verbleibenden Probenzeit Honeggers Zweite noch einstudieren, daher anstelle dessen Strawinsky.

Also blieb

Maestro MUTI doch unersetzbar....

Sinkothek

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