Wien Modern: Ein vitaler, aber halber Abend

04.11.2012 | 18:47 |   (Die Presse)

Das Arditti-Quartett durfte Nono nicht mehr spielen, aber eine virtuose Novität von Deutsch.

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„Frechheit!“ Das Wien-Modern-Publikum reagierte teils reichlich grantig, als es Samstag nach einer zunächst hoffnungsvoll überlang angesetzten Pause heimgeschickt werden musste. Denn Herbert Grönemeyer im großen Konzerthaussaal war zu laut, um einen störungsfreien zweiten Teil im Mozartsaal garantieren zu können – schon gar, wenn ein so zart-fragiles Werk wie Luigi Nonos Streichquartett „Fragmente – Stille, an Diotima“ angesetzt ist. Unvorhersehbares Missgeschick oder logistische Dissonanz zwischen Konzerthaus und Wien Modern, das seinen Termin übrigens zuerst fixiert hat? Ein Gratisgetränk in der Pause, die Rückerstattung des Preises für Einzelkarten und das Versprechen eines Zusatzkonzerts reichten nicht, um die Besucher milde zu stimmen.

 

Quartett begeistert mit Impetus

Dafür begeisterte die vom Arditti-Quartett mit Impetus und Versenkung dargebotene Musik am zweiten Abend der Reihe „Ausgewählt von Lothar Knessl“, eine Reverenz an den Mitbegründer des Festivals. Nach ausdrucksvollen Puzzleteilen von György Kurtág sowie dem Wechselspiel von Sonorität, mikrotonal umkreisten Klängen und Geräuschattacken bei Georg Friedrich Haas gab es stürmische Begeisterung für die Uraufführung von Bernd Richard Deutschs 2. Streichquartett: einem vitalen, lustvoll-virtuos anmutenden Werk des 35-jährigen Wieners.

Da prasseln schon in den ersten Takten verschiedenste Klänge auf den Hörer ein, liefern einander jaulende Glissandi, später auch Rufen und Fußstampfen kanonische Verfolgungsjagden, klagt eine Bratschenkantilene – immer gestisch expressiv, quecksilbrig, auch humorvoll-ironisch: ein klingender Pointillismus, der im Detail wie im Ganzen glänzt. Das Arditti-Quartett erfüllt das alles wohl nicht mit letzter Präzision, aber mit unerschöpflichem Elan und begeisterndem Nachdruck. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2012)

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1 Kommentare
Gast: Ernst Kobau
05.11.2012 09:09
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Symbolwert

Die resignative Selbstaufgabe dessen, was einst "E-Musik" hieß, hätte nicht schöner ins Bild gesetzt werden können. Das Gegröhle aus dem Großen Saal läßt Nonos "Stille" erst gar nicht aufkommen. Fragen Sie Thielemann: er wird Grönemayer als professionellem Entertainer größte Hochachtung entgegenbringen und es als elitäre Anmaßung empfinden, diese Musik im Vergleich zu Nono als schäbigen Kommerz zu bezeichnen. Bekanntlich gibt es ja keine E- und U-Musik mehr, sondern nur gute und schlechte Musk. Und gut ist nach dem Verlust qualitativer Kriterien, was der Mehrheit gefällt. Davon ist die Mehrheit jener, die früher E-Musik betrieben, inzwischen selbst überzeugt. Also brüllt Grönemayer zu Recht Nono nieder. Der Abendkartenpreis hätte nicht rückerstattet werden müssen, denn bessere Einsicht in den Zustand des Musikbetriebs hätte auch ein zu Ende gebrachtes Konzert im Mozartsaal nicht erbringen können.

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