Skovhus: „Die Frage lautet: ,Ja oder Nein zum Krieg?‘“

06.11.2012 | 16:47 |  von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

Der dänische Sänger Bo Skovhus im Gespräch über die Modernität von Christoph Willibald Glucks Oper „Iphigenie in Aulis“, die am 8. 11. im Theater an der Wien Premiere hat, Künftiges in und Erinnerungen an Wien.

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Innerhalb weniger Tage haben in Wien zwei Opern von Christoph Willibald Gluck Premiere: Das Theater an der Wien bringt am 8. 11. „Iphigenie in Aulis“, am 12. folgt in der Staatsoper „Alceste“ als eine der Produktionen, die seit Amtsantritt von Direktor Dominique Meyer für einige Vorstellungen mit Werken der Vor-Mozart-Ära auch Originalklang-Ensembles als Gastorchester ins Haus am Ring holen – diesmal Ivor Bolton und das Freiburger Barockorchester.

Im Theater an der Wien musizieren im Gegenzug die Wiener Symphoniker unter Barock-Spezialist Alessandro De Marchi. In der Rolle des Agamemnon debütiert Bo Skovhus, ein Bariton, der den Wiener Opernfreunden bestens als Interpret von Rollen im Fach zwischen Mozart und Richard Strauss vertraut ist. Seit er mit großem Aplomb als Don Giovanni an der Volksoper debütiert hat, ist er ein Publikumsliebling. Seine ersten Sporen verdiente er sich in der Ära von Eberhard Waechter, als dessen legitimer Nachfolger der Däne in den Achtzigerjahren gefeiert wurde. Längst ist er – ganz ohne Waechters Schützenhilfe – ein internationaler Star, unverwechselbar er selbst.

Doch erinnert er sich gern an die Zeit, als ihn der Doyen des Wiener Opernensembles unter seine Fittiche nahm. Waechter war es, der ihn für die „Don Giovanni“-Produktion engagierte, sozusagen ins kalte Wasser springen ließ. „Ich hatte ja keine Ahnung, was ich da mache“, erzählt Skovhus heute mit Amüsement sowie einem Schuss nachträglicher Verwunderung über die eigene Courage – und Naivität: „Ich kam direkt von der Schule, war völlig grün und wusste nicht einmal, dass es so etwas wie Kritiken gab!“

Eberhard Waechter war Freund und Mentor

An der Volksoper fühlte sich der smarte Twen dann bestens aufgehoben. „Ich erinnere mich noch gut, wie Waechter mit mir den Danilo für mein Debüt in der ,Lustigen Witwe‘ einstudierte. Er hat ja darauf bestanden, alle ,seine‘ Rollen mit mir zu erarbeiten. Natürlich habe ich dann auch den Silvio für mein Staatsopern-Debüt mit ihm vorbereitet. Und den Wolfram. Diesen ,Tannhäuser‘ hat er dann aber nicht mehr erlebt.“

Wenige Wochen vor dem wichtigen Debütabend ist der Freund und Mentor unerwartet gestorben: „Und ich stand dann auf der Bühne in einer Partie, die Waechter so wichtig war. Ich muss sagen, damals habe ich während der Vorstellung sehr an ihn gedacht. Auch heute ertappe ich mich noch des Öfteren dabei, dass ich gern anrufen und um Rat fragen möchte.“ Aber nicht nur der Kontakt zum väterlichen Förderer hat den dänischen Bariton an Wien gebunden. „Diese Stadt war auch sonst sehr gut zu mir, ich habe meine Frau hier kennengelernt, meine Tochter geht hier zur Schule.“ Dass Skovhus heute nicht mehr allzu oft in Wien auf der Bühne steht, „liegt nicht an mir“, sagt er. Eher schon daran, dass er international gefragt ist – und die reizvollsten Aufgaben nicht immer hierzulande locken.

Aufregend fand Skovhus zuletzt die Titelpartie in Reimanns „Lear“: „Das war in Hamburg und ein gigantisches Erlebnis.“ So empfanden es offenbar auch Publikum und Kritiker, die ihn für den „Faust-Preis“ nominiert haben. Ob er auf Platz eins landet, wird Skovhus übrigens im Theater an der Wien erfahren, wo er während der Gala in einer der Gluck-Reprisen auf der Bühne stehen wird.

„Lear“ als eine Lebensaufgabe

Im Verhältnis zu Glucks Agamemnon war die Erarbeitung des „Lear“ eine Lebensaufgabe. „Ich war mehrmals drauf und dran, den Klavierauszug in eine Ecke zu schmeißen. Reimann stellt seine Sänger vor schier unlösbare Probleme. Zumindest scheint es so, wenn man die Partitur das erste Mal zu lesen versucht.“ Doch im Dialog mit dem Komponisten entpuppt sich manch transzendente Schwierigkeit als Petitesse: „Reimann ist ungemein kulant“, sagt Skovhus, „es geht ihm um den richtigen inneren Ausdruck. Er besteht überhaupt nicht darauf, dass jede Note so klingen muss, wie sie da geschrieben steht. Es geht darum, die entsprechende innere Spannung herzustellen.“ Mit der nötigen Freiheit lässt sich realisieren, dass Sänger und Komponist zufrieden sind. Und offenkundig auch das Publikum.

„Es ist dann gar nicht schwierig“, sagt Skovhus, „vor allem, wenn man wirklich singt und nicht schreit, auch dort nicht, wo die Musik und die Rolle kulminieren, in der zentralen Sturmszene. Gegen Schluss gibt es ja dann sogar eine wirklich lyrische Szene, Lears Abschied von Cordelia. Das ist dann beinahe tonal und wie Liedgesang.“

Der wirkliche Liedgesang war Skovhus immer ein Anliegen. „Im Moment arbeite ich mit Stefan Vladar an der ,Winterreise‘. Man glaubt es nicht, aber weder er noch ich haben bisher Erfahrungen mit diesem Zyklus gesammelt. Ich glaube, wir sind beide jetzt reif genug, haben genügend Lebenserfahrung gesammelt, um diese Herausforderung annehmen zu können, an die ich mich als junger Sänger aus Respekt nie gewagt hätte.“ Die erste „Winterreise“ wird es dann keineswegs in einem der großen Konzertsäle geben, in denen Skovhus und Vladar sonst auftreten, sondern „in einem Kaff in Dänemark“, wie der Bariton es formuliert. „Danach gibt es eine Tournee durch Deutschland. Und irgendwann werden wir wahrscheinlich dann auch hier in Wien landen. Aber zuerst wollen wir das ausprobieren.“

Ein Happy End sehr weit von der Vorlage

Was die Oper betrifft, gab es jüngst für ihn die Erstbegegnung mit Strawinskys „Rakewell“ („The Rake's Progress“) in Düsseldorf. Irgendwann wird wohl der Traum vom Doktor Schön in Bergs „Lulu“ in Erfüllung gehen. Wien sieht Skovhus heuer noch als Graf in Strauss' „Capriccio“ an der Staatsoper. Und dieser Tage in „Iphigenie in Aulis“ im Theater an der Wien. Den Agamemnon singt er erstmals. „Den Sohn in der ,Iphigenie in Tauris‘ habe ich schon oft gesungen. Aber ,Iphigenie in Aulis‘ ist selten, nicht zuletzt weil der Chorpart so ausführlich und schwierig ist. Und vielleicht auch, weil sich Gluck mit seinem Happy End sehr weit von der antiken Vorlage entfernt.“ Das stellt den Regisseur in der heutigen Zeit, die unglaubwürdige theatralische Schönfärberei schwer erträgt, vor schier unlösbare Probleme. Wie sie gelöst werden, will Skovhus noch nicht verraten. „Aber wir bemühen uns doch, der Mythologie so weit wie möglich zu folgen, spürbar zu machen, dass es in diesem Stück um einen machtbesessenen Mann geht.“ Und es gehe um die Frage: „Ja oder Nein zum Krieg?“

Das Publikum wird auf jeden Fall aufgefordert, mitzudenken. „Ideal wäre es“, sagt Skovhus, „wenn die Zuschauer ihren Euripides gelesen hätten.“ Voraussetzen darf ein Theatermacher das heutzutage freilich nicht. Jedenfalls ist der Bariton begeistert über die Modernität, mit der Gluck seine große Szene im Mittelpunkt der Oper gestaltet hat: „Ich glaube, das ist das erste Mal in der Operngeschichte, dass die Psychologie mitspielt. Hier konnte Mozart anknüpfen.“

„Iphigenie in Aulis“ hat am 8. November im Theater an der Wien Premiere. Regie: Torsten Fischer. Dirigent: Alessandro De Marchi.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2012)

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