Lang Lang: „Ich will noch so viel lernen“

08.11.2012 | 16:16 |  Susanne Pertl und Birte Carolin Sebastian (Die Presse - Schaufenster)

Der chinesische Klaviervirtuose Lang Lang findet Chopin gelb und musiziert gern für Staatsoberhäupter.

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Sein Name heißt so viel wie „Brillanter Gentleman“. Lang Lang, Pianist mit dem Appeal eines Popstars, spricht über Träume, Stress und Emotionen.

Sie haben am Beginn der Shanghaier Weltausstellung, zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking oder beim Staatsbankett für Chinas Präsident Hu Jintao im Weißen Haus gespielt: Was ist das nächste Großereignis, bei dem Sie gern spielen möchten?
Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking 2008 zu spielen war der unvergesslichste Auftritt in meinem Leben: Die Olympischen Spiele sind die Olympischen Spiele. Das ist Weltniveau und ein ganz besonderer Spirit. Wieder für die Olympischen Spiele aufzutreten, würde ich mir wünschen. Dieses Jahr war ich in London zur Eröffnung „nur“ im Publikum. Für Staatsoberhäupter zu spielen, finde ich auch immer außergewöhnlich. Da treffen verschiedene Länder aufeinander und ich bin dabei der Botschafter meines
Landes.

Welche Begegnung war für Sie besonders prägend?
Am Anfang meiner Karriere, als ich ungefähr 17 Jahre alt war, bin ich Kofi Annan begegnet. Er sagte zu mir: „Als Pianist von Weltrang haben Sie die Möglichkeit, Frieden über die Musik zu transportieren.“ Dieser Gedanke berührt mich immer noch. Und ich versuche, ihn umzusetzen.

Wie wichtig sind überhaupt Träume im Leben?
Träume sind ganz wichtig. Jeder Mensch sollte Träume haben. Natürlich können nicht alle Träume in Erfüllung gehen. Manchmal erreicht man aber auch mehr, als man je zu träumen wagte. Aber nur träumen hilft nichts: Man muss seine Träume konkret verwirklichen. Man kann die verrücktesten Träume haben, aber entscheidend ist, sie umzusetzen, daran zu arbeiten. In meinem Fall habe ich von Anfang an intensiver und mehr geübt als jeder andere. Und dann kann es passieren, dass ein Traum zum nächsten führt.

Ihr größter Traum?
Ich habe meine kühnsten Kindheitsträume bereits übertroffen . . .

Keine aktuellen Träume mehr?
Als Pianist kann man Menschen positiv beeinflussen. Mich selbst hat Horowitz stark berührt. Über die Musik hinaus liegt mir meine Stiftung für Kinder besonders am Herzen, die natürlich auch mit Musik zu tun hat . . . demnächst möchte ich Musikschulen gründen. Schon jetzt habe ich weltweit zwölf Schüler ausgewählt, davon drei aus Deutschland. Musik ist eine verbindende Kraft, die Welt der Musik ist eine Welt ohne Grenzen.

Wie können Sie bei Kindern erkennen, ob jemand wirklich Talent hat?

(Lacht) Das ist leicht, das höre ich sofort.

Warum liegen Ihnen gerade Kinder so am Herzen?
In der Erziehung wird, meiner Meinung nach, im öffentlichen Bereich heutzutage als Erstes an der musikalischen und künstlerischen Ausbildung gespart.
Durch Musik und durch meine Interaktion mit Kindern können sich das Leben und das Schicksal von Kindern verbessern. Und als erfolgreicher Künstler möchte ich der Gesellschaft etwas zurückgeben, nicht nur Geld, sondern auch persönliche Zeit einsetzen.

Sie haben im Oktober eine Chopin-CD herausgebracht. Was kommt als Nächstes?
Ich habe einen Zwei-bis-drei-Jahresplan. Dieses Jahr ist mein Chopin-Jahr. 2013 werde ich mich voraussichtlich Bartók widmen, 2014 Bach und Mozart.

Sie übersetzen Musik in Farben. Mit welcher Farbe verbinden Sie Mozart?
Mozart kann ich nicht auf eine Farbe festlegen. Mozart hat sich sein ganzes Leben entwickelt und verwandelt und so auch der Charakter seiner Stücke. Er selbst ist farblich ein wunderschöner Regenbogen.

Welche Farbe hat zum Beispiel das C?
Farben sind der leichteste Weg, über Musik nachzudenken. Nicht der einzelne Ton, sondern jede einzelne Harmonie, Disharmonie rufen bei mir ein Gefühl und eine Farbe hervor. Das aktuelle Chopin-Album verbinde ich zum Beispiel mit hellem Gelb.

Was begleitet Sie neben der Musik immer auf Ihren Reisen?
Drei bis vier Bücher. Zunächst waren es meist Romane, jetzt lese ich auch Sachbücher, zum Beispiel die Steve-Jobs-Biografie. Bücher von Menschen, die die Welt bewegen und entscheidend beeinflussen. Oder Bücher über die chinesische und die orientalische Kultur. Ich will noch so viel lernen.

Haben Sie ein Lieblingsbuch?
Hamlet. Was für eine Geschichte! Es ist alles enthalten: Liebe, Intrigen, Rache und dieser große innere Kampf. Ich stelle es mir schwierig vor, so jung mit Problemen dieses Ausmaßes konfrontiert zu sein.

Mit wem verbinden Sie Hamlet musikalisch?
Am ehesten mit Tschaikowsky.

Sehen Sie Parallelen zwischen sich und Hamlet?
Nein, ich habe kein Königreich zu verlieren! Ich mochte übrigens auch „König der Löwen“ sehr gern, den Cartoon lieber als das Musical. „König der Löwen“ ist für mich eine Hamlet-Geschichte der Tiere. Der König sucht sein Königreich.

(c) APA

Wo auf der Welt sind Sie zu Hause?
Aktuell in Peking und New York. Mit 18 habe ich mir meinen großen amerikanischen Traum einer Villa in Philadelphia erfüllt. Aber es ist nicht praktisch für mich, ein Haus zu besitzen. Wenn ich nach jeweils langer Abwesenheit zurückkam, hat sich mein Haus immer leer, kalt, einsam und ohne Leben angefühlt. Es dauerte allein drei Stunden, bis es einigermaßen wohnlich warm war. Einmal, als ich nach Wochen heimkam, war das Türschloss eingefroren. Mein Schlüssel hat deswegen nicht gepasst. Ich kam mir vor wie ein Einbrecher im eigenen Haus. Auch die Polizei, die ich dann zu Hilfe geholt habe, war zunächst nicht überzeugt, dass ich tatsächlich der wahre Besitzer bin. Mein Klavier stand nicht neben mir. In Peking besitze ich jetzt ein Penthouse. Das war meine Lehre aus der Hauserfahrung in Philadelphia. Aus Anlagegründen hätte ich mir, im Nachhinein betrachtet, besser ein Haus mit einem dieser klassisch chinesischen Innenhöfe kaufen sollen.

Wie verbinden Sie die reale Welt und die Imagination?
Keine leichte Frage . . . Wenn ich klassische Musik spiele, kreiere ich eine Vorstellung. Zeitgenössische Musik ist einfach zu verstehen: Sie handelt vom heutigen Le  ben. In die klassische Musik muss man sich hineinversetzen: Wenn ich Mozart spiele, kann ich unmöglich an ein schnelles Autorennen denken. Dann denke ich an Pferde. Deswegen bin ich so gern in Salzburg. Dort fühle ich mich Mozart nahe: Die Landschaft, die Umgebung und das Stadtbild haben sich nicht groß geändert – die Pferdekutschen –, da kann ich mich richtig in Mozarts Zeit versetzen.

Würden Sie selbst gern komponieren?
Ich habe immer Musik in meinem Kopf und improvisiere oft und gern, aber ein ganzes, großes Stück zu komponieren liegt mir nicht.
Vor Kurzem habe ich allerdings einen Videoclip für den Umweltschutz aufgenommen. Diese Melodie ist ganz allein von mir.

Wie stellen Sie sich emotional auf unterschiedlichste Stücke während eines Konzertes ein?
Meinem ersten Stück gehe ich auf dem Weg zu meinem Flügel innerlich entgegen. Ich bin emotional 100 Prozent im Stück. Ich denke dann nicht. Um das eine Stück abzuschließen und mich emotional auf das nächste Stück einzustimmen, gehe ich aus dem Konzertsaal hinaus, trinke einen Schluck Wasser, versetze mich in die erforderliche Stimmung und marschiere dann wieder auf das neue Stück zu. Ich brauche die Zeit zwischen den Stücken, um das vorhergegangene verarbeiten zu können. Dem Publikum geht es auch so, vor allem, wenn zwei unterschiedliche Stimmungen aufeinander folgen.
Weil Musik so tief bewegt, braucht man zwischen den Stücken ein Atemholen, wie im  Leben auch. Nach einer tiefen Beziehung braucht das Herz erst einmal eine Pause.

Im Gegensatz zu Opernsängern oder Schauspielern müssen Sie keine Regieanweisungen befolgen.
Pianisten haben es im Vergleich zu Opernsängern und Schauspielern leichter.  Ich kann mich ganz meinem Gefühl hingeben, ohne Bühnenanweisung. Ich arbeite nur mit Menschen, die ich mag, oder denen ich Respekt entgegenbringe. Während Opernsänger und Schauspieler oft in Teams zusammengewürfelt werden und meist nicht frei wählen können, mit wem sie arbeiten. Andere Menschen mögen ihren Job gar nicht, das ist hart.

Immerhin unterliegen Sie einem Dresscode.
Im Wesentlichen ja. Aber wie in der Musik versuche ich auch in der Kleidung kreativ zu sein. Und wenn es sich nur um kleine Accessoires handelt, die viel verändern.

Lesen Sie Kritiken?
Früher, als es noch wenige waren, habe ich sie geradezu studiert. Heute sind es einfach zu viele, das wäre ein Fulltime-Job. Inzwischen vertraue ich auf mich selbst: Meine Meinung ist mir wichtiger als die der Kritiker.

Einigen Kritikern sind Ihre Interpretationen zu gefällig. Man wirft Ihnen vor, die europäischen Komponisten nicht richtig zu verstehen.
Was diese Kritiker sagen, entspricht nicht dem, was ich selbst denke. Ich finde es absurd. Ich kann das nicht ernst nehmen.

Wie wichtig ist es für Sie, Ihre Emotionen zu kontrollieren?
Manchmal passiert vielleicht während des Tages etwas Trauriges oder Schlechtes, etwas Ärgerliches, vor allem im Zusammenhang mit den vielen Reisen. Doch dabei kann ich mich nicht aufhalten. Während des Konzerts muss ich alle Gedanken wegdrücken, um ganz im Moment sein zu können. Die Kontrolle meiner eigenen Emotionen ist im Konzert unerlässlich. Da zählt einzig und allein die Stimmung, die das Stück vorgibt. Im Leben bin ich ständig emotional berührt, da reichen kleine Dinge.

Was machen Sie am liebsten nach einem Konzert?
Mich mit Freunden oder Musikern treffen, essen gehen und reden. Es gibt immer interessante Menschen, die einen einladen wollen. Nach Konzerten, und wenn ich am nächsten Tag nicht gleich früh weiterfliege, nehme ich solche Einladungen gern an.

Haben Sie bei Ihrem Terminplan Zeit zum Nachdenken?
Leider zu wenig. Zeit ist eines der wertvollsten Dinge überhaupt!
In der Gesellschaft und in der Erziehung geht es immer mehr darum, nur ja keine Zeit zu verlieren, die Zeit zu nutzen. Sie vergeht ja auch so schnell, und jeden Tag muss man aufs Neue eine Balance herstellen. Prioritäten setzen. Was mache ich, und was mache ich nicht? Gleichgewicht ist dabei das Allerwichtigste. Dieser Lehre versuche ich mir stets bewusst zu sein.

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