Andris Nelsons' Triumphzug mit Beethoven

Der Dirigent bestritt mit den Wiener Philharmonikern eine Matinee im Konzerthaus. Im Gegensatz zu manch anderen Dirigenten der jüngeren Generation erstarrt bei ihm das Raue, Angriffige nicht im Selbstzweck:

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c ORF ALI SCHAFLER

Überraschend kann man den Beginn von Beethovens Fünfter nach 204 Jahren Rezeption wohl nicht nennen. Wenn es ein Dirigent trotzdem schafft, dass es einen dabei fast aus dem Sessel hebt, ist das schon eine Leistung für sich. Erbracht hat sie am Sonntag im Wiener Konzerthaus der Lette Andris Nelsons am Pult der Wiener Philharmoniker.

Was für eine Attacke! Was für ein Zug nach vorn! Welch Energie! Nur: Halten die das durch? Sie hielten, nachdem sich das angeschlagene Tempo erst im gesamten Orchester herumgesprochen hatte. Die Unstimmigkeiten währten nur kurz, der Rest war eine in der Drastik der Darstellung mitunter extreme, aber nicht nur in sich schlüssige, sondern vor allem auch dem Werk angemessene Interpretation.

 

Befreiung wie bei „Fidelio“

Nelsons' Sicht wegen der Tempi und des Gestus als „modern“ zu etikettieren, griffe zu kurz. Im Gegensatz zu manch anderen Dirigenten der jüngeren Generation erstarrt bei ihm das Raue, Angriffige nicht im Selbstzweck, sondern wirkt wie eine sich aus der Situation ergebende Notwendigkeit. Und wenn Nelsons es für notwendig erachtet, auf vermeintlich altmodische Weise ein Vollbad im satten, warmen Streicherklang zu nehmen, tut er das mit der gleichen Selbstverständlichkeit. So wie er trotz straffer Zügel genug Raum für subtil ausformulierte Holzbläser-Phrasen lässt.

Zum Triumph gerät schließlich das Finale: Nelsons dimmt das Orchester am Ende des dritten Satzes aufs Existenzminimum herunter und lässt aus der diffusen Ursuppe in strahlendstem Dur das Hauptthema erstehen. Eine Befreiung von aller Last, im emotionalen Gehalt an die Rettung Florestans in „Fidelio“ („Heil sei dem Tag ...“) erinnernd.

Im ersten Teil der Matinee spielte die französische Pianistin Hélène Grimaud den Solopart im zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms. hd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2012)

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