Andris Nelsons' Triumphzug mit Beethoven

25.11.2012 | 18:43 |   (Die Presse)

Der Dirigent bestritt mit den Wiener Philharmonikern eine Matinee im Konzerthaus. Im Gegensatz zu manch anderen Dirigenten der jüngeren Generation erstarrt bei ihm das Raue, Angriffige nicht im Selbstzweck:

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Überraschend kann man den Beginn von Beethovens Fünfter nach 204 Jahren Rezeption wohl nicht nennen. Wenn es ein Dirigent trotzdem schafft, dass es einen dabei fast aus dem Sessel hebt, ist das schon eine Leistung für sich. Erbracht hat sie am Sonntag im Wiener Konzerthaus der Lette Andris Nelsons am Pult der Wiener Philharmoniker.

Was für eine Attacke! Was für ein Zug nach vorn! Welch Energie! Nur: Halten die das durch? Sie hielten, nachdem sich das angeschlagene Tempo erst im gesamten Orchester herumgesprochen hatte. Die Unstimmigkeiten währten nur kurz, der Rest war eine in der Drastik der Darstellung mitunter extreme, aber nicht nur in sich schlüssige, sondern vor allem auch dem Werk angemessene Interpretation.

 

Befreiung wie bei „Fidelio“

Nelsons' Sicht wegen der Tempi und des Gestus als „modern“ zu etikettieren, griffe zu kurz. Im Gegensatz zu manch anderen Dirigenten der jüngeren Generation erstarrt bei ihm das Raue, Angriffige nicht im Selbstzweck, sondern wirkt wie eine sich aus der Situation ergebende Notwendigkeit. Und wenn Nelsons es für notwendig erachtet, auf vermeintlich altmodische Weise ein Vollbad im satten, warmen Streicherklang zu nehmen, tut er das mit der gleichen Selbstverständlichkeit. So wie er trotz straffer Zügel genug Raum für subtil ausformulierte Holzbläser-Phrasen lässt.

Zum Triumph gerät schließlich das Finale: Nelsons dimmt das Orchester am Ende des dritten Satzes aufs Existenzminimum herunter und lässt aus der diffusen Ursuppe in strahlendstem Dur das Hauptthema erstehen. Eine Befreiung von aller Last, im emotionalen Gehalt an die Rettung Florestans in „Fidelio“ („Heil sei dem Tag ...“) erinnernd.

Im ersten Teil der Matinee spielte die französische Pianistin Hélène Grimaud den Solopart im zweiten Klavierkonzert von Johannes Brahms. hd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2012)

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3 Kommentare

war kritiker überhaupt im konzert???

offensichtlich hat der kritiker mit dem kürzel "hd" das konzert erst ab der pause gehört, sonst wäre er nicht so überschwänglich in seiner begeisterung für die kooperation nelsons-wiener philharmoniker, die im ersten teil des konzerts wahrlich NICHT zueinanderfanden; nelsons hat sich sichtlich bemüht, seine gestaltungswünsche auf die musiker zu übertragen, was diese jedoch mit gleichgültigkeit beantworteten.. helene grimaud hat wohl auch schon bessere tage erlebt, ihr spiel war leidenschaftslos, undifferenziert im ausdruck und oftmals nicht kompatibel mit der musikalischen vorstellung des orchesters...es ist wohl auch ein armutszeugnis für die presse (die ich sonst als seriöse berichterstatterin von konzertkritiken sehr schätze!!!) eine solche kritik überhaupt abzudrucken!!!

Re: war kritiker überhaupt im konzert???

Gegenfrage: Sind SIE erst nach der Pause gekommen?
Alles, was Sie über das Klavierkonzert schreiben, widerspricht dem, was ich gehört habe. Ich habe selten so eine homogene Interpretation gehört, Nelsons und die Philharmoniker waren wunderbare Begleiter - stellten aber auch die symphonischen Stellen herrlich dar.
Grimauds Spiel als leidenschaftslos und undifferenziert zu bezeichnen ist schlicht unzulässig, wenn nicht bösartig.

Dass Nelsons mittlerweile

zur Elite der Dirigenten gehört, das hat sich längst herumgesprochen. Und wie war bitte die Interpretation des 2. Klavierkonzerts von Brahms durch Hélène Grimaud.....?

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