Netrebko: Raritätenpflege unter Routineschleier

01.12.2012 | 18:26 |  von Walter Weidringer (Die Presse)

Anna Netrebko spielt auch im Konzerthaus Theater, selbst wenn der musikalische Rahmen zu wünschen übrig lässt: Betrachtungen über eine Diva - und einen dennoch unzulänglichen Abend.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Es ist doch genau so schön in Castop-Rauxel, und was glauben Sie, wie die sich freuen, wenn ich komme!“, lachte einmal die lebenskluge und als lyrische Sopranistin in aller Welt gefeierte Helen Donath. Solisten können selbstverständlich in der sogenannten Provinz gastieren, in der es ja keineswegs provinziell zugehen muss, etwa um neue Rollen auszuprobieren.

Tourneen ganzer Opernhäuser hingegen, einst ein aufregender Austausch künstlerisch-ästhetischer Positionen, sind rar geworden und führen heutzutage fast ausschließlich in fernöstliche Kulturbunker – als Leistungsschau westlicher Kunst für ein Publikum, das touristisch irgendwann an „die heil'ge Quelle selbst“ gelockt werden soll.

Der Vergleich mit der Callas. In besonderen Fällen aber wurden durch dergleichen logistische Großunternehmungen in der Vergangenheit schon umwälzende Ereignisse ermöglicht. Etwa bei den szenischen Gastspielen der Mailänder Scala in Berlin und Wien Mitte der 1950er-Jahre: Da dirigierte Herbert von Karajan Donizettis „Lucia di Lammermoor“ mit Maria Callas – und die Opernwelt war nicht mehr dieselbe.

Mit der großen Griechin wird Anna Netrebko ja gern und mit Ausdauer auf eine Stufe gestellt. Fast ebenso oft folgt aus anderen Federn die Klarstellung, dass die Analogie sich vor allem auf das unbändige Interesse des Boulevards an Erfolg und Privatleben des Stars stützt und wenig musikalische Grundlagen hat. Immerhin ließen sich bei einigem Wohlwollen zwischen der aktuellen Netrebko-Tournee durch Europa mit Tschaikowskys letzter Oper „Iolanta“ und der Vorzeige-„Lucia“ Parallelen ausmachen.

Denn damals wie heute stand ein international als Rarität zu wertendes Stück auf dem Programm, das der Interpretin der Titelpartie stimmlich wie angegossen passte. So keusch und mädchenhaft klingend wie nur möglich stellte Netrebko anfangs jene Prinzessin vor, die ihr Vater überfürsorglich vor der Erkenntnis ihrer Blindheit bewahren will – eine Metapher für erotisches Empfinden, das ein fremder Graf in Iolanta zu wecken versteht: Erst dadurch gelingt ihre Heilung.

Dass der märchenhaft-lyrische Einakter nur konzertant gegeben wurde, stimmte eigentlich nicht – denn Netrebko braucht, Netrebko ist Theater. Ob sie nun wie somnambul durch den Mittelgang zur Bühne schreitet, mit zart geformten Gesangsphrasen ausdrucksvoll an ihren Partnern vorbeiblickt, mit den roten und weißen Rosen spielt, die in einer Vase bereitstehen, weil sie diese librettogemäß verwechseln muss, vollends wenn sie, blind oder nicht, am Schluss des großen Duetts zielstrebig und ohne Zaudern die Lippen des Tenors zum Kuss findet: All das zündet und findet klangliche Entsprechung in ihrem füllig-runden, leuchtenden Gesang, der sich zu Inbrunst steigert – obwohl am Ende dieser Tournee über allem schon ein Schleier aus Routine liegen mochte.

Im anspruchsvollen, beckmesserischen Wien war jedenfalls – nach Berlin, Amsterdam, Paris etc. – vor allem zu merken, dass die oben angeführten Parallelen bald endeten. Denn gerade diese reife Tschaikowsky-Partitur von reizvoller Eigenart verlangt eine besonders beredte, farblich genau balancierte Darstellung des Orchesterparts, der gegenüber den Singstimmen enorme Bedeutung erlangt.

Mittelklasse um einen Weltstar. Ein braver Mittelklasse-Klangkörper wie das Orchester der Slowenischen Philharmonie Ljubljana tut sich da, trotz vieler durchaus geschmeidig absolvierter Bläsersoli, merklich schwer – vor allem dann, wenn ein Dirigent wie Emmanuel Villaume zwar auf manche dynamische Differenzierung, aber kaum auf die Klangqualität der Tutti achtet, die recht blechern und stumpf daherkamen, sowie mit theatralischen Gesten auch dort marschartige Töne anschlagen ließ, wo wiegende Lyrismen gefordert sind. Da genügt es bei einem Werk dieses vergleichsweise symphonischen Zuschnitts nicht, wenn die restliche Besetzung großteils erfreulich agierte.

Hatte Netrebko bei den Salzburger Festspielen 2011 als Iolanta an der Seite von Piotr Beczala reüssiert, der diesmal im Publikum saß, war es nun Sergej Skorokhdov, der als Vaudemont Licht und Liebe in ihr weckte und dabei einen hellen, sauber phrasierenden Tenor mit angenehm schimmerndem Vibrato hören ließ: kein Poet des Herzens, aber ein ebenso zuverlässiger Sänger wie Vitaij Kowaljow, der mit sonor gedrechselten Basskantilenen einen imposanten König gab.

Lucas Meachem nützte seine Chance als leichtfertiger Robert ebenso wie Monika Bohinec als stattliche Martha; einzig Vladislav Sulimsky fehlte es an den nötigen geheimnisvollen Tönen für den maurischen Arzt Ebn-Hakia.

Bleibt zu hoffen, dass Anna Netrebkos nächster Wien-Auftritt in qualitätvollerer Umgebung stattfindet. Die Chancen stehen dafür recht gut: Es ist die Tatjana in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ an der Staatsoper kommenden April.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Meinung

Jetzt Kultur-Newsletter abonnieren

Die Meldungen des Tages aus den Bereichen Kunst und Kultur. Kostenlos.

Newsletter bestellen

Code schwer lesbar? » Neu laden

Sinkothek

AnmeldenAnmelden