Wiens Oper kann im Alltag groß sein

Das Haus am Ring statuiert unter Franz Welser-Möst in Zeffirellis Regieklassiker mit einer vorwiegend aus dem Ensemble besetzten „Bohème“ ein Exempel.

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(c) APA HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

„La Bohème“ in der Wiener Staatsoper – das funktioniert in gewisser Weise immer. Denn die Inszenierung von Franco Zeffirelli, Anfang der Sechzigerjahre herausgekommen, gilt zu Recht als Klassiker. Die idealen Bühnenbilder gehören – nehmen wir die jüngste Salzburger Festspielproduktion als warnendes Beispiel – unter Denkmalschutz gestellt.

Wenn dann noch das junge Wiener Opernensemble ein Exempel statuiert, wie man diese ideale Szenerie mit musikalischem Leben erfüllen kann, dann präsentiert sich das Genre Oper von seiner besten Seite. Schon die philharmonische Orchesterleistung demonstriert unter der Leitung des Herrn Generalmusikdirektors, warum Wien doch die weltweit erste Musiktheater-Bühne beherbergt: So flexibel, so eloquent bis in die kleinsten Details durchmodelliert kann wahrscheinlich kein anderes Orchester Puccinis kleinteilige Klangerzählung nachvollziehen.

Und doch scheinen die Musikanten sich willig von der Kraft der Melodie hinwegtragen zu lassen, sobald die Solisten auf der Bühne sich dem genuinen Puccini-Melos hingeben. Dann phrasieren sie mit Tenor, Bariton und den Sopranen über alle Taktstriche hinweg und lassen die Hörer mitschweben. Piotr Beczala ist damit – anders als vor Kurzem in Salzburg, wo ihm dasselbe Orchester, von einem weit weniger sensiblen Dirigenten angestachelt, übel mitspielte – in seinem Element.

 

Edeltimbrierter Stimmglanz

Die weiche, doch edel-metallisch timbrierte Stimme entfaltet sich bis in die höchsten Höhen frei und ausdrucksstark. Im Verein mit der gefühlvollen, doch niemals sentimentalen Mimi von Anita Hartig bildet Beczala ein hinreißendes Bohème-Pärchen, dem die drei Künstlerkollegen in der Mansarde als lebendige Spießgesellen dienen: Adrian Eröd, der auch den Marcel zur feinsinnigen Charakterstudie veredelt, Alessio Arduini als lässiger neuer Schaunard und Dan Paul Dumitrescu als bäriger Colline ergänzen das Trio bestens.

Auch die Musette kommt aus dem Ensemble: Valentina Nafornitá, optisch die Inkarnation dieser Figur, bringt in Spiel und Stimme eine flotte Biene mit Herz und großer Seele auf die Bühne, ein denkwürdiges Debüt – wie jenes der Mimi von Anita Hartig vor einiger Zeit. Die Staatsoper ist offenbar nicht nur ein Magnet für etablierte Künstler – allein dieser Tage sind Tenöre vom Format Beczalas, Johan Bothas, Stephen Goulds und Juan Diego Florez' zu Gast –, sondern fungiert immer noch als Sprungbrett für bemerkenswerte junge Künstler.

Und sie beherbergt Bühnentemperamente wie Alfred Sramek, der als Hausmeister wie als geprellter Galan Kabinettstücke theatralischer Gestaltungskunst liefert.

Reprisen: 7., 10., 14. Dezember.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2012)

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