Wiens Oper kann im Alltag groß sein

05.12.2012 | 18:09 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Das Haus am Ring statuiert unter Franz Welser-Möst in Zeffirellis Regieklassiker mit einer vorwiegend aus dem Ensemble besetzten „Bohème“ ein Exempel.

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„La Bohème“ in der Wiener Staatsoper – das funktioniert in gewisser Weise immer. Denn die Inszenierung von Franco Zeffirelli, Anfang der Sechzigerjahre herausgekommen, gilt zu Recht als Klassiker. Die idealen Bühnenbilder gehören – nehmen wir die jüngste Salzburger Festspielproduktion als warnendes Beispiel – unter Denkmalschutz gestellt.

Wenn dann noch das junge Wiener Opernensemble ein Exempel statuiert, wie man diese ideale Szenerie mit musikalischem Leben erfüllen kann, dann präsentiert sich das Genre Oper von seiner besten Seite. Schon die philharmonische Orchesterleistung demonstriert unter der Leitung des Herrn Generalmusikdirektors, warum Wien doch die weltweit erste Musiktheater-Bühne beherbergt: So flexibel, so eloquent bis in die kleinsten Details durchmodelliert kann wahrscheinlich kein anderes Orchester Puccinis kleinteilige Klangerzählung nachvollziehen.

Und doch scheinen die Musikanten sich willig von der Kraft der Melodie hinwegtragen zu lassen, sobald die Solisten auf der Bühne sich dem genuinen Puccini-Melos hingeben. Dann phrasieren sie mit Tenor, Bariton und den Sopranen über alle Taktstriche hinweg und lassen die Hörer mitschweben. Piotr Beczala ist damit – anders als vor Kurzem in Salzburg, wo ihm dasselbe Orchester, von einem weit weniger sensiblen Dirigenten angestachelt, übel mitspielte – in seinem Element.

 

Edeltimbrierter Stimmglanz

Die weiche, doch edel-metallisch timbrierte Stimme entfaltet sich bis in die höchsten Höhen frei und ausdrucksstark. Im Verein mit der gefühlvollen, doch niemals sentimentalen Mimi von Anita Hartig bildet Beczala ein hinreißendes Bohème-Pärchen, dem die drei Künstlerkollegen in der Mansarde als lebendige Spießgesellen dienen: Adrian Eröd, der auch den Marcel zur feinsinnigen Charakterstudie veredelt, Alessio Arduini als lässiger neuer Schaunard und Dan Paul Dumitrescu als bäriger Colline ergänzen das Trio bestens.

Auch die Musette kommt aus dem Ensemble: Valentina Nafornitá, optisch die Inkarnation dieser Figur, bringt in Spiel und Stimme eine flotte Biene mit Herz und großer Seele auf die Bühne, ein denkwürdiges Debüt – wie jenes der Mimi von Anita Hartig vor einiger Zeit. Die Staatsoper ist offenbar nicht nur ein Magnet für etablierte Künstler – allein dieser Tage sind Tenöre vom Format Beczalas, Johan Bothas, Stephen Goulds und Juan Diego Florez' zu Gast –, sondern fungiert immer noch als Sprungbrett für bemerkenswerte junge Künstler.

Und sie beherbergt Bühnentemperamente wie Alfred Sramek, der als Hausmeister wie als geprellter Galan Kabinettstücke theatralischer Gestaltungskunst liefert.

Reprisen: 7., 10., 14. Dezember.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2012)

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6 Kommentare

und in salzburger sommer hat er soeben alles hingeschmissen?


Überragend

Es war eine zutiefst berührende Vorstellung mit einem erlesenen Ensemble und einem geradezu himmlischen Diregat von Franz Welser-Möst. Welch große Kunst ein doch schon so oft gehörtes Werk dem Publikum ganz neu und tief empfunden vorzustellen. Schönheit und Wohlklang des Orchesters waren einzigartig. Wie das Staatsopernorchester in der Ära Welser-Möst zu noch immer höheren Spitzenleistungen aufsteigt ist unglaublich. Welches Glück diesen Maestro als Generalmusikdirektor in Wien zu haben. Ganz herzlichen Dank auch an Wilhelm Sinkovicz für die schöne Würdigung und richtige Einordnung. Der einzige Misston war nur die elende Hineinklatscherei in die letzten Takte nach jedem Aktschluss.
Wer aus dieser Vorstellung nicht ergriffen, aufgewühlt und bereichert ging, dem ist nicht mehr zu helfen.

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Re: Überragend

Wow! Sie sind das weibliche Pendant zu Herr Sinkovicz. Er wird stolz auf seine Besucherin sein...

Bitte nicht vergessen, dass La boheme ein Meisterwerk ist. Auch eine mittelmäßige Aufführung dieser tollen Oper kann ergreifen, aufwühlen und bereichern...

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Re: Überragend

Wow! Sie sind das weiblich Pendant zu Herrn Sinkovicz. Sind Sie vielleicht seine Frau, auf Besuch bei der Presse?

Sie sollten nicht vergessen, dass La boheme ein Meisterwerk ist. Auch eine mittelmäßige Aufführung von dieser tollen Oper kann ergreifen, aufwühlen und bereichern...

Ein Freundschaftsdienst

ist die permanente, großteils übertriebene Lobhudelei an den GMD längst nicht mehr. Sin überzieht den Bogen, indem er WM´s Leistung pusht und gleichzeitig meint, bedeutende Kollegen unbedingt abwertend beurteilen zu müssen. In der Wirtschaft nennt man das Public Relations, die entsprechend kostenintensiv ist. Mitbewerber werden dort allerdings nicht schlecht gemacht. Man fokussiert seine eigenen Vorteile, um höhere Marktanteile zu gewinnen. Ein Kulturkritiker sollte jedenfalls über ein Mindestmaß an Objektivität verfügen, damit nicht der Verdacht aufkommt, seine Artikel wären - drückt man es diplomatisch aus - sehr von persönlichen Befindlichkeiten beeinflußt. Dieses Minimum an Objektivität vermisse ich bei Sin im Zusammenhang mit Kritiken über seine Lieblinge WM und de Billy.

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Es war zu erwarten...

...dass Herr Sinkovicz sowohl den Welser-Möst lobt als auch andere Dirigenten kritisiert. Es ist immer so - er hat das Gefühl, er muss die anderen verdammen, um den sogenannten Unterschied zu seinem Liebling noch größer zu machen.

Und doch fand ich die Boheme am Dienstag nicht besonders gut. Die Tempi waren teilweise schleppernd, die Einsätze des Dirigenten oft unklar, sodass die Sänger nicht immer harmoniert haben.

Sinkothek

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