Musikverein: Glück, das uns verblieb

12.12.2012 | 18:10 |   (Die Presse)

Renée Fleming schwelgte souverän in Stimmungen und Farben des Fin de Siècle. In Korngold-Stücken blühten ihre luxurierend gemischte Klänge am innigsten auf.

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„Glück, das mir verblieb“: Es war kein Zufall, dass unter den vier Zugaben der US-Sopranistin Renée Fleming gerade Mariettas Lied aus der „Toten Stadt“ am meisten zu Herzen ging. Das lag auch an der Widmung an eine bedeutende Vorgängerin, die „Arabellissima“ Lisa della Casa, die an diesem Tag verstorben war und deren „Stimme, Stil und auch Schönheit“ für Fleming eine „große Inspiration“ bedeutet hatten, wie sie in schlichten, wohl gewählten Worten bekannte.

In Korngold-Stücken blühten Flemings luxurierend gemischte Klänge, ihre zu purem Stimmgold ausgesponnenen Phrasen und ihre erzählerische Intensität am innigsten auf. Das Abschiedssentiment dieser Szene, das kunstvolle Einswerden von Schmerz und Schönheit traf sie mit meisterlicher Präzision, ohne dass ihr Vortrag je kalkuliert gewirkt hätte. Wie sie die melodiösen Winkel des „Sterbelieds“ ausleuchtete, wie schlicht sie das „Heldengrab am Pruth“ aufsuchte und dabei durch atonal anmutende Vogellaute des Klaviers schritt, wie sie mit großer Geste, aber doch ganz unpathetisch glückselig beschwor, „Was du mir bist“ oder im „Eilenden Bächlein“ das abschließende „Es war“ mit unprätentiösem Achselzucken servierte – all das und mehr zeigte, wie Musik, Stimme und Interpretation einen nahezu perfekt harmonischen Dreiklang bildeten.

 

Nuanciertes „Summertime“

So richteten die (manchmal allzu) betont genießerisch agierende Fleming und ihr verlässlicher Klavierpartner Maciej Pikulski ein Fest des schwelgerisch-sinnlichen Wiener Fin de Siècle aus. Noblesse im Vortrag, klangliche Opulenz und sängerische Souveränität waren anfangs auch bei Mahler und Wolf zu hören, doch nicht auf der Höhe des Folgenden – denn am stärksten funkelten die Raritäten. Etwa auch fünf Dehmel-Lieder von Zemlinsky, die Fleming ähnlich treffend in Klimt'sche Farben kleidete und dabei ein weites Spektrum zwischen dramatischer Exaltation und großer Zartheit ausschöpfte. Störende Allüren scheinen ihr fremd, und doch gebietet sie souverän über jene Allüre, die ein von Korngold gefasstes Strauss-Walzerlied wie „Frag mich oft“ erst zum Leben erweckt – oder auch ein grandios nuanciertes „Summertime“. wawe

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2012)

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