Mathis der Maler: Eine Ehrenrettung der Musikstadt Wien

Im Theater an der Wien kam in der Regie von Keith Warner nach 53 Jahren erstmals wieder eines der bedeutendsten Musiktheater-Werke des 20. Jahrhunderts in der Hauptstadt szenisch zur Aufführung.

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(c) APA HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Anstrengend, fürwahr. Fast vier Stunden dauert die Aufführung. Doch lehrte die Hochspannung im Auditorium, die bis zum letzten Des-Dur-Akkord spürbar blieb: Das Experiment war gelungen. Eine Unterlassungssünde wurde getilgt: Paul Hindemiths „Mathis der Maler“ war seit mehr als 50 Jahren hier nicht mehr zu sehen.

Sowohl Keith Warners Inszenierung als auch die Aufbereitung der Partitur durch Bertrand de Billy dürfen den mustergültigen Musiktheater-Versuchen zugeschlagen werden. Die Besetzung führt Wolfgang Koch an. Fast den ganzen Abend lang auf der Bühne, zieht er als Akteur wie als Sänger alle Register: Er ist Mathis der Maler alias Matthias Grünewald, Schöpfer des Isenheimer Altars, gleichzeitig auch Hindemith selbst, Inkarnation des Künstlers in Zeiten der Bedrängnis.

„Wozu Kunst?“, die Frage steht, von Hindemith im selbst gedichteten Libretto auch sprachlich meisterhaft umschrieben, über der gesamten Handlung. Die Vita des Zeitgenossen Luthers, der als Hofmaler des Fürsterzbischofs von Mainz in die Händel der Bauernkriege verstrickt wird, alles Leid jener Generation miterlebt und schließlich gefordert ist, sich weltabgewandt seinem künstlerischen Schaffen zu widmen – er steht symbolisch auch für die Anfechtungen, denen sich Künstler zur Entstehungszeit der Oper ausgesetzt sahen: Hindemith geriet gerade mit dem Versuch, die Künstlerproblematik in NS-Deutschland auf die Bühne zu bringen, unter die Räder, galt im „Reich“ als unerwünscht. Gerade die Ehrlichkeit, mit der er auf die Verbindung zwischen dem Künstler und seinem Volk verweist, berührt den nachgeborenen Betrachter.

Kunst, aus dem Volk geboren

„Was an Taten in dir aufblühen soll, gedeiht an der Sonne Gottes allein, wenn deine saugenden Wurzeln tief hinein in den Urgrund deines Volkes tauchen.“ Dieser Satz, mit dem der Bauernführer Schwalb den Künstler zur Abkehr vom „L'art pour l'art“-Prinzip und zur aktiven Teilnahme an den Kriegsgräueln animiert, hätten die Nationalsozialisten ohne viel Federlesens auf ihre Banner schreiben können. Ebenso die „Bekehrung“ des politischen Künstlers: „Indem du zum Volk gingst, entzogst du dich ihm . . .  geh hin und bilde.“

Doch Hindemith wurde als „entarteter“ Künstler ins Exil getrieben, „Mathis“ kam 1938 in Zürich zur Uraufführung. In ihrer schonungslosen Direktheit gehen die Bilder, die Keith Warner unter der gigantischen Skulptur, die Johan Engels als skulpturale Metamorphose des Gekreuzigten aus dem „Isenheimer Altar“ über der Szene schweben lässt, unter die Haut: Lynchjustiz, Notzucht, der Mord am Bauernführer Schwalb, die erschütternden Visionen von dessen dadurch traumatisierten Tochter Regina, deren Tod wir auf der Bühne miterleben, von der wunderbaren Katerina Tretyakova anrührend gestaltet – all das bekommen wir ohne Regietheaterkommentare, sozusagen ungeschminkt, zu sehen.

Doch Warner ist auch ein Meister des intimen Dialogs. Die kulturpolitischen Diskurse, die Hindemith in den Szenen mit dem Kardinal führen lässt, sind so minuziös und in ihrer vollen Brisanz nachvollziehbar wie die persönlichen Schicksale der handelnden Personen, die von den historischen Vorgängern regelrecht vernichtet werden.

Der zentrale Dialog zwischen Mathis und seiner Geliebten Ursula, die er seines politischen Engagements wegen verlässt, gehört zu den bewegendsten Opernduetten der jüngeren Musikgeschichte. Hier entfaltet Wolfgang Koch neben Kraft und bewunderungswürdiger Wortdeutlichkeit auch lyrische, vor allem expressive Qualitäten, wie sie auch Manuela Uhl in reichem Maße einbringt.

Ihre Stimme tönt ein wenig geschärft, wie jene von Kurt Streit, was der Auseinandersetzung zwischen Ursula und dem prägnant gezeichneten Kardinal packende Wirkung verleiht: Hier wird der Begriff des Musiktheaters in seiner Bandbreite definiert.

Gewaltige Chorauftritte

Die Symphoniker leuchten mit Engagement in die Tiefenschichten der Handlung, zünden in den protestantischen Streitchören auch gehörig: De Billy motiviert auch den exzellenten philharmonischen Chor aus Pressburg zu vokalem Grenzgängertum. Die Streitszene am Beginn des zweiten Bilds erklingt ungemein prägnant, weil jedes einzelne Versatzstück der kühnen Klangcollage punktgenau realisiert wird. Da schieben sich die Wutausbrüche von Katholiken, Protestanten und skeptischen Studenten mit den höhnischen Kommentaren der Frauen übereinander: das Paradoxon eines genial organisierten Chaos. Der Dirigent verliert dabei nie die Übersicht und erhält zuletzt so tosenden Applaus wie der grandiose Titelheld.

Wohl auch weil die Solisten sogar in Richtung Zynismus und Ironie feinsinnig differenziert sind: Der kraftvolle Schwalb Raymond Verys findet in Charles Reid als verschlagenem Rat Capito seinen Gegenpol, Franz Grundheber stellt als Riedinger den machtvollen Führer der Lutheraner – bis hin zur geschundenen, aber noch in der ärgsten Not wohltönenden Gräfin Helfenstein von Magdalena Anna Hofmann sind sämtliche Partien liebevoll besetzt. Man kann das Werk wohl nicht stimmiger realisieren. Das Theater an der Wien hat damit die Ehre der Musikstadt gerettet – die denkwürdige Produktion verschwindet hoffentlich nicht nach nur einer Serie im Depot.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2012)

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