Wiener Philharmoniker: NS-Ideologie im Walzertakt?

Die Philharmoniker hätten ihre Geschichte nicht aufgearbeitet und auch der ermordeten Mitglieder des Orchesters kein ehrendes Gedenken widmen, kritisiert der Historiker Harald Walser. Was ist an den Vorwürfen dran?

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Es dürfte keine überwältigende Aufführung gewesen sein. Am Tag nach dem „außergewöhnlichen Konzert“ der Wiener Philharmoniker am 31. Dezember 1939 um 11.30 Uhr im Großen Musikvereinssaal berichteten die Wiener Zeitungen über angebliche Kriegsverbrechen der Briten, über ein Unglück in der Türkei und über die Neujahrsansprache von Joseph Goebbels („Parole für 1940: kämpfen und arbeiten“). Über das Konzert aber findet man nur im „Neuigkeits-Welt-Blatt“ vom 3. Jänner 1940 eine kurze Notiz: Es sei „auf allen Gesichtern der Zuhörer das glückliche Lächeln der musikalischen Erregung hinreißenden Dreivierteltakts“ gelegen, berichtet ein „W. Bertl“.

Dieses wenig beachtete Silvesterkonzert war die Geburtsstunde des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker, und weil es unter dem verheerendsten Regime unserer Geschichte stattfand, gibt es seither Diskussionen darüber.

Die Philharmoniker hätten ihre Geschichte nicht aufgearbeitet, sie würden die Vergangenheit ignorieren und auch der ermordeten Mitglieder des Orchesters kein ehrendes Gedenken widmen, kritisiert der Historiker und Grünabgeordnete Harald Walser. Das wiederum erregt die FPÖ, deren Kultursprecherin Heidemarie Unterreiner von Hetze gegen das „großartigste Orchester der Welt“ spricht. Die Philharmoniker ihrerseits fühlen sich „missverstanden und zu Unrecht angegriffen“.

Man könnte dahinter eine typisch österreichische Diskussion über die NS-Vergangenheit vermuten, wenn es nicht eine ganz untypische Diskussion wäre: Aus wissenschaftlicher Sicht ist das NS-Kapitel der Wiener Philharmoniker nämlich „längst abgeschlossen“, wie der Wiener Zeithistoriker Oliver Rathkolb erklärt. „Alles liegt auf dem Tisch“, mit der von Walser geforderten Einsetzung einer Historikerkommission würde man „weit übers Ziel hinausschießen“.

Faktum ist beispielsweise, dass es unter den Philharmonikern einen exorbitant hohen Anteil an NS-Mitgliedern gab. 1939 waren 47 Prozent der Musiker Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei (NSDAP). 25 Musiker waren bereits Mitglied, als die NSDAP im Ständestaat noch verboten war (aufgearbeitet hat das Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg in seiner Geschichte des Orchesters „Demokratie der Könige“). Von den Berliner Philharmonikern hatten dagegen nur 20 Prozent ein Parteibuch, wie der Historiker und Autor Fritz Trümpi in seinem Buch „Politisierte Orchester“ (Böhlau Verlag, 2011) schreibt.


Tod im KZ. Nach dem Anschluss Österreichs „säuberten“ die Nazis auch das Orchester. Noch 1938 mussten laut Trümpi 15 Musiker das Orchester teils aus rassischen Gründen, teils aus politischen verlassen. Sieben Musiker starben im Konzentrationslager oder bei der Deportation: Armin Tyroler (Oboe), Moritz Glattauer, Viktor Robitsek, Max Starkmann, Anton Weiss, Paul Fischer (alle Violine) und Konzertmeister Julius Stwertka. „Nach Hinweisen auf eine Anteilnahme am Schicksal der jüdischen Kollegen, geschweige denn auf Rettungsversuche seitens des Orchesters, sucht man in den Protokollbüchern der Wiener Philharmoniker allerdings vergeblich“, schreibt Trümpi.

Eine Folge der nationalsozialistischen Säuberung war, dass die musikalische Qualität des Orchesters litt. „Man griff anfangs auf ein leichteres Repertoire zurück und spielte einfachere Stücke“, sagt Rathkolb. Das mag ein Grund für die Wahl der Strauß-Stücke beim ersten Silvesterkonzert gewesen sein: Strauß ist nicht Mahler und der „Radetzky-Marsch“ nicht Strawinskys „Petruschka“.

Ein anderer Grund war, dass Goebbels den Wiener Philharmonikern eine regionale Note geben wollte, die Berliner Philharmoniker waren für die Welt da. Walzerseligkeit sollte zudem vom Kriegsalltag ablenken, meint Rathkolb. Für Trümpi ist klar: „Der berühmte Wiener Klangstil, spieltechnisch auf die Wiener Klassik zurückgehend, verdankt paradoxerweise seinen Weltruhm der Provinzialisierung der Wiener Philharmoniker während der NS-Zeit.“

Die Erklärung, dass das der österreichischen Strauß-Dynastie gewidmete Silvesterkonzert ein sublimes Zeichen des Widerstandes gegen Großdeutschland und eine Erinnerung an Österreich war, wie teilweise erklärt wird, dürfte eher einem Wunsch entspringen.

Dass die Philharmoniker ihrer Kunst nachgehen konnten, dafür sorgte Gauleiter Baldur von Schirach. Er gab den Mitgliedern eine Unabkömmlichstellung, Kriegsdienst blieb ihnen also erspart. Als das Orchester 1942 mit Jubiläumskonzerten seinen 100. Geburtstag feierte, verbot Schirach alle anderen Veranstaltungen in Wien. Als Dank für seine schützende Hand und seine Unterstützung überreichten ihm die Philharmoniker den Ehrenring des Orchesters.

Das passte zwar damals in die Zeit, wie Historiker Rathkolb erklärte, dass ihm aber 1966 noch eine Kopie übergeben wurde, nachdem Schirach seine Strafe wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit abgesessen hatte, sorgt für Kritik. Walser hält es für skandalös, dass dieser Umstand das Orchester „nicht stört“. Bei den Philharmonikern spricht man von einer Einzelaktivität, über die man in den Archiven nichts finde. Rathkolb korrespondierte mit Schirachs Sohn Richard, der die Identität des Überbringers des Rings kenne, sie aber „in dieser aufgeheizten Stimmung“ nicht preisgeben will.

Hellsberg erklärt, man werde dem Thema im kommenden Jahr mehr Platz auf der Webseite einräumen, zudem werde es 2014 „in diesem Zusammenhang etwas Gemeinsames mit der Staatsoper“ geben. Auf der Webseite werde es bereits am 12. März 2013 eine Veröffentlichung zur NS-Vergangenheit geben – an dem Tag, an dem vor 75 Jahren die Nazis in Österreich einmarschierten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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