Erste Geige bei Philharmonikern: Ganz normaler Beruf

30.12.2012 | 18:30 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Die Wiener Philharmoniker spielen morgen ihr 73.Neujahrskonzert. Heuer stehen anlässlich des 200.Geburtstags von Richard Wagner und Giuseppe Verdi auch Stücke dieser beiden Komponisten auf dem Programm.

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Isabelle Ballot schwingt sich vom Rad und sperrt es vor dem Wiener Musikverein ab. Auf ihrem Rücken hat die 35-Jährige einen schwarzen Geigenkoffer umgeschnallt, ihre Füße stecken in hochhackigen, eleganten Schuhen. Für Ballot ein ganz normaler Arbeitstag, auch wenn sie weiß, dass sie wohl eine der schönsten Arbeitsstätten der Welt – den Wiener Musikverein – und wohl auch einen der schönsten Berufe hat: Sie spielt bei den Wiener Philharmonikern die erste Geige – gemeinsam mit 22 anderen Kollegen, vier davon sind Frauen.

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Dennoch ist der heutige Tag für Ballot nicht ein Tag wie jeder andere. Natürlich, Konzerte spielt die gebürtige Französin, die seit 2005 bei den Wiener Philharmonikern engagiert ist, beinahe täglich. Aber heute steht das Neujahrskonzert auf dem Programm. „Das ist etwas ganz Besonderes, weil ein Mal im Jahr fast jede Familie das Konzert hört – und das weltweit. Darunter auch viele Menschen, die sonst nie klassische Musik hören“, sagt Ballot, die seit Kurzem auch Mutter ist. Der ORF überträgt das Neujahrskonzert heuer erstmals in mehr als 80 Länder. Auf die Frage, ob man aufgrund der weltweiten Übertragung nicht besonders nervös ist, lächelt Ballot nur und meint: „Oh ja.“ Wobei: Mittlerweile hat sie sich auch daran gewöhnt.

Dass das Neujahrskonzert auch für die Musiker etwas Außergewöhnliches ist, liegt für sie an der Musik. Für Strauß hat sie viel über: „Ich könnte nur das spielen – als ich klein war, wollte ich immer nur Strauß hören.“ Für Ballot ist es die perfekte Musik für das Neujahrsfest. Heuer stehen anlässlich des 200.Geburtstags von Richard Wagner und Giuseppe Verdi auch Stücke dieser beiden Komponisten auf dem Programm.

 

Geigerin seit dem dritten Lebensjahr

Privat kommt sie selbst natürlich kaum zum Silvesterfeiern. „Das macht aber nichts. Letztes Jahr habe ich das Neujahrskonzert nicht gespielt. Ich habe es mir aber im Fernsehen angesehen und war ein bisschen traurig, dass ich nicht mitspielen konnte. Das Spielen macht mir einfach Spaß.“

Und das seit 32 Jahren. Mit drei Jahren hat Ballot begonnen, Geige zu spielen. Eine gewisse familiäre Vorbelastung – die Mutter Geigerin, der Vater Klarinettist – hat sie ebenso mitbekommen, wie das Talent. Geübt wird in so einem Musikerhaushalt täglich. „Je nachdem, wie viel Zeit ich habe, manchmal nur ein, zwei Stunden. Wenn ich ein schwieriges Konzert habe, fünf bis sechs.“ Auf das Neujahrskonzert hat sie sich etwa eine Woche vorbereitet. Wobei dieses Konzert – das heuer nach 2011 zum zweiten Mal von Franz Welser-Möst, dem Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, dirigiert wird – generell intensiv vorbereitet wird. Fünfmal wird in Summe geprobt, dreimal wird das Neujahrskonzert aufgeführt. Bei einer „gewöhnlichen“ Aufführung in der Staatsoper kann es schon vorkommen, dass es gar keine Proben gibt. „Es gibt ein gewisses Repertoire, das immer wieder gespielt wird. Da braucht es keine Proben, das ist auch gut für die Spontanität.“

Diese schätzt Ballot ebenso an ihrem Job wie die Abwechslung, natürlich die Musik und die gute Stimmung im Orchester – oder in ihrer „Gruppe“, wie sie die Geiger nennt. Was sie am meisten bei den Philharmonikern überrascht hat, ist, dass obwohl so wenig Zeit zur Verfügung ist, sich „alle für tausend Sachen interessieren, der eine kann zehn Sprachen, der andere studiert Philosophie, es gibt vielfältige Interessen, denen auf hohem Niveau nachgegangen wird“. Und etwas hat sie auch in Wien überrascht: dass nämlich das Klischee von der Musikstadt inklusive der musikinteressierten Taxifahrer stimmt. „Es ist wirklich so, jeder Taxifahrer weiß, was gerade in der Oper gespielt wird“, sagt Ballot und schwingt sich auf ihr Fahrrad.

Auf einen Blick

Das Neujahrskonzert wird morgen, Dienstag, zum 73. Mal von den Wiener Philharmonikern im Wiener Musikverein gespielt. Franz Welser-Möst dirigiert nach 2011 zum zweiten Mal. Auf dem Programm stehen neben Werken der Strauß-Dynastie auch Werke von Richard Wagner und Giuseppe Verdi, die ihren 200.Geburtstag feiern würden. Der ORF überträgt in mehr als 80 Länder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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13 Kommentare

Wie schön es wäre wenn diese Suderanten nur spielen würden und kein Wort reden würden!!!


Also bitte

morgen gut spielen und erst übermorgen über die CD-Einnahmen streiten.

Noch ist Wien ...


Weltstadt

Kulturelle Leitungen liegen in der Vergangenheit, diese sind aber großartig!

Wie wird sich alles entwickeln?

nicht böse sein

aber das Nachspielen von Klassikern durch Saitenzupfer, etc. wird etwas überschätzt ...

Solange der Wiener Musikverein sich keine weicheren (und breiteren) Sitze leisten kann, kann er mich vergessen.

Mehr essen macht einen weicheren Hintern!


Re: nicht böse sein

Sehe ich genauso.

Der unbequeme, veraltete Dreckssaal gehört niedergerissen und modern neu aufgebaut.

2 Fragen

1) Hätte man sich im Musikverein Ihrer aus irgendeinem gutem Grund denn erinnern sollen?
2) Ist es für Sie nicht sowieso besser, vergessen zu werden?

Re: nicht böse sein

sofaerdäpfler?

Re: nicht böse sein

gehts Ihnen um die musik oder die bequemlichkeit bei konzerten?

Re: Re: nicht böse sein

auf den unbequemen Sitzen schläft es sich soooo schlecht ;-)

Re: Re: nicht böse sein

Beides.

Und wer es gerne zu klassischen Klängen unbequem hat, soll sich von einer Domina auspeitschen lassen.

Re: nicht böse sein

FdH, dann passt auch in den Sitz!

Sinkothek

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