Neujahrskonzert: Über heikle Musik-Balanceübungen

01.01.2013 | 18:24 |  WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

„Prosit 2013“ wünschten die Philharmoniker erstmals auch mit Klängen von Wagner und Verdi. Mit Franz Welser-Möst scheint das Orchester in allen musikalischen Lebenslagen harmonisiert.

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Das war gewiss eines der abwechslungsreichsten Neujahrskonzerte in der mittlerweile 73-jährigen Geschichte dieser Wiener philharmonischen Grußbotschaft an die weite Medienwelt. So viele Premieren wie noch nie waren avisiert – erstmals sogar Originalkompositionen von Giuseppe Verdi und Richard Wagner.

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Doch band sich, was uneinheitlich willkürlich hätte wirken können, zum harmonischen Bukett. Die Philharmoniker und Franz Welser-Möst, der zum zweiten Mal am Neujahrstag zum Zug kam, haben in der gemeinsamen Staatsopern-Zeit ganz zueinandergefunden. Sie musizieren wienerische Walzer, den „Carneval in Venedig“ oder „steyrische Tänze“ in einer symbiotischen Harmonie, die alle heiklen Balanceübungen, die diese Musik fordert, wie selbstverständlich klingen lassen.

 

Der „unzählbare“ Dreivierteltakt

Der notorisch gefährliche, weil in Wahrheit „unzählbare“ Walzer-Dreivierteltakt ist in seiner ganzen fantastisch-reichen Vielfalt erfasst, die melodischen Phrasen schwingen über alle Ordnungsstriche hinweg, wahrhaft „dirigiert“ von einem größeren Taktgefühl, dessen sensibler Anwalt der Wiener Generalmusikdirektor ist.

Dass der heimische Operettenstil französische Wurzeln hat, wird verschmitzt deutlich, wenn die Ballettmusik zu „Don Carlos“ erklingt, die Verdi, ganz von Offenbach inspiriert, für Paris komponiert hat. Sie fügt sich ins Neujahrsprogramm auf diese Weise so harmonisch wie der brillant-eruptive Festesklang von Wagners Vorspiel zum dritten „Lohengrin“-Akt, das, rauschhaft schön musiziert, so viel Applaus bekommt wie die bekanntesten Strauß-Piècen. Es gibt eben nicht „ernste“ und „unterhaltende“ Musik, sondern nur gute und schlechte.

Pièces bien faites, wahrhafte Meisterstücke, sind ja auch die diversen Quadrillen, die von den Wiener Walzerprinzen nach Fragmenten aus den jeweils aktuellen Opern-Novitäten ihrer Ära angefertigt worden sind – so kam ja Verdis „Maskenball“ schon wiederholt zu Neujahrskonzert-Ehren. Heuer hielten sogar die Hexen und die blutrünstige Lady aus „Macbeth“ in den Musikverein Einzug.

Der gestrenge Eduard Hanslick hätte dergleichen einstens nicht goutiert. Er plädierte ja leidenschaftlich für den gemütlicheren Tonfall eines Strauß Vater oder Joseph Lanner, von dem 2013 die „Steyrischen Tänze“ fein differenziert an Frühformen des bürgerlichen österreichischen Tanzvergnügens erinnerten, während mit den wohlbekannten „Sphärenklängen“, den kaum gespielten, doch fabelhaften „Hesperusbahnen“ und „Wo die Citronen blüh'n!“ die elaboriertesten Kreationen von Joseph bzw. Johann Strauß Sohn demonstrierten, wie rasch in den Pioniertagen aus dem Tanz- ein Konzertgenre werden konnte.

 

Symphonische Verzauberung

Schon bei Strauß Vater bürgerte sich ein, einer Novität stehend zu lauschen und deren musikalische Qualität zu kommentieren, bevor man sich – bei der ersten Reprise – dem Tanzen hingab. Daraus entstanden die Walzerkonzerte, deren edelsten Abkömmling das Neujahrskonzert darstellt.

Besonders Johann Strauß' „Aus den Bergen“ verzauberten die Philharmoniker und ihr Generalmusikdirektor diesmal in ein großes symphonisches Klanggemälde: So harmonisch reich und geradezu avantgardistisch in der koloristischen Ausgestaltung gibt sich kaum ein anderer Walzer – und just er ist Hanslick zugeeignet, eine subtile Rache des Komponisten an einem Rezensenten, der ihm über die Jahre hin wiederholt vorgeworfen hat, sich an die missliebigen „neudeutschen“ Kollegen des Wagner- und Liszt-Clans angebiedert, eher „Requiems“ als „echte Walzer“ komponiert zu haben.

Doch hatte das Methode. Und es ist, die Nutzanwendung davon, die große Kunst des Wiener Orchesters am Neujahrsmorgen: die Versöhnung zwischen „E“ und „U“, symphonischen Tiefgang mit elektrisierender Unterhaltungskunst zu vermählen. So elegant und konsequent wie diesmal gelingt das nicht immer.

Auch hält man sich am 1.Jänner meist nicht mit TV-tauglichen Faschingseinlagen so wohltuend zurück wie 2013: Franz Welser-Möst verteilte während Johann Strauß Vaters Variationen über „Ein Hund kam in die Küche“ Stofftiere an die jeweiligen Solisten und dirigierte dann, von Konzertmeister Rainer Küchl mit Kochmütze beschenkt, mit Kochlöffel zu Ende. Wenn das Jahr so weitergeht, wie es hier „angerichtet“ worden ist, dann wird es gut sein. Prosit.

Apropos: Ins Jahr 2014 wird uns zum zweiten Mal Daniel Barenboim geleiten – auch in Würdigung seiner 25-jährigen Partnerschaft mit den Philharmonikern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2013)

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29 Kommentare
 
12

Ein "Requiem"war es nicht, aber ein ernsthaftes Konzert auf hohem Niveau!

Gefehlt hat Walzerseligkeit und Ausgelassenheit zum Jahreswechsel.
Der Reiz eines Neujahrskonzerts ist aber gerade diese Lebenslust und Fröhlichkeit. Weil das gefehlt hat, kann ich Sinkovicz' Begeisterung nicht nachvollziehen!

Den meisten taugts. dass es so istwie dazumals. Nur die Fahnen sind anders, aber denen ists eh egal

Und die Musik diesselbe und das hochglänzende Kochmützenniveau.

Ein netter musikalischer Neujahrsgruss aus Wien

mit einem durchaus achtbaren Programm, welches auch sehr gut präsentiert wurde. Daß auch der Humor dabei nicht zu kurz kam, wäre durchaus positiv zu werten. Weshalb nun der Konjunktiv?
Weil Welser-Möst gegen Events Verbalattacken reitet, und einen solchen Event, der so in Salzburg sicherlich nicht stattfindet, nun selbst leitet. Non olet!
Aber dann möge der Herr GMD bitte schön den Mund halten, und sich nicht permanent selbst auf unprofessionelle Weise outen. Wasser predigen und Wein trinken..
Herbert von Karajan hat das Verdirequiem an einem Vormittag dirigiert, und die Sänger vom Range eines Carlo Bergonzi hatten selbstverständlich damit keinerlei Probleme.

5 0

Ungewöhnlich ruhig...

Wenn man sich vom Neujahrskonzert einen Energieschub am Neujahrsmorgen erwartet, war man diesmal etwas enttäuscht. Die Abfolge von klangseligen und aufputschenden Stücken war diesmal eher der Ruhe zugewandt. Deshalb auch war Wagner der heimliche Höhepunkt. Kraft und Energie sind, in Zeiten wie diesen, das was unser angeschlagenes Nervenkostüm verlangt. Auch die Melodien der "Sträusse" hat man schon drängender und pulsierender gehört. Schön war es allemal. Aber eher für einen besinnlichen Winterabend!

Re: Ungewöhnlich ruhig...

Es war ein Konzert wie man es nicht allzu oft hört. Raritäten und Bekanntes gut gemischt und ohne Effekthascherei souverän dirigiert. Das Orchester spielte (wie immer) excellent. Was ein wenig störte, war die rasende Deckenkamera und der Pausenfilm, der nicht das brachte, was so groß angekündigt wurde. Man hätte ihn sich sparen können, denn speziell die Darsteller waren Dilettanten. Im Großen und Ganzen jedoch war es ein gelungener Start ins neue Jahr, wenn auch etwas ruhig, doch Stress wird das Jahr 2013 genug bringen.

Re: Re: Ungewöhnlich ruhig...

Der Pausenfilm war eine Katastrophe! Wen interessieren schon die zwei Gfrieser, die einem dauernd vorgesetzt wurden?
Die Sehenswürdigkeiten Niederösterreichs bekamen dagegen nur Zehntelsekunden. Da hat niemand etwas über Niederösterreich dazugelernt!

0 6

fido

nicht das konzert

0 7

Re: fido

lass i ma kan schas raufprojezieren

0 6

Re: Re: fido

bis ana daherkommt und aus allem ein "alles ist so furchtbar" macht.

0 6

Re: Re: Re: fido

ist es nicht.

0 6

Re: Re: fido

und mich ruinieren

0 5

Re: Re: Re: fido

ich war voller ambitionen und eher ordentlich. hab alles beiläufig gemacht neben ...?

0 5

Re: Re: Re: Re: fido

weil ich haltung hatte und pflichten schnell erledigt habe und zuerst. weils auch möglich war.

0 6

Re: Re: Re: Re: Re: fido

until ?

0 5

Re: Re: Re: Re: Re: Re: fido

neben vielen hobbys und freunden.

Langeweile durch Gleichförmigkeit

Stückauswahl ungeschickt (zu viele lange Werke hintereinander), vor allem aber: Interpretation gleichförmig, uninspiriert, ohne wirkliche Höhepunkte, alles "mittel": -laut, -schnell, -mässig. Bis auf wenige Ausnahmen klang ein Stück wie das andere.
Schön waren die Herbstbilder aus der Steiermark, wunderbare Farben. Zu "Wo die Citronen blühn" (dem musikalisch jeder Schmelz fehlte) gehören aber keine Bilder aus Österreich, sondern aus Italien: denn das ist ein Anklang an Goethes Mignon.

Sie beurteilen also

eine TV-Sendung.... AHA!

fantastisch

Ein Konzert mit vielen Facetten. Franz Welser Möst hat ein tolles Programm zusammen gestellt und die Philharmoniker sich wieder einmal von der besten Seite gezeigt. Besonders gut fand ich den Pausenfilm über die schönsten Plätze NÖ's.

7 2

Re: fantastisch

Der Pausenfilm war ein Werbefilm für Pröllistan und sonst nix!

Re: Re: fantastisch

Vermisst habe ich beim Pausenfilm aber einiges: das Geburtshaus von Landeshauptmann Dr. Pröll, das Bett, in dem er gezeugt worden ist, den Karl-May-Band, den er gelesen hat (mit Eselsohren!), das Schulhaus, wo er in die Volksschule gegangen ist, den Beichtstuhl, in dem er die erste Beichte abgelegt hat, den hundertsten Dorfbrunnen, den er eingeweiht hat, usw. Na, vielleicht sehen wir das nächstes Jahr.

es war URFAD!

teils zu laut, lohengrin!

23 0

autsch

die Musik war ausgezeichnet
der Artikel unlesbar

6 21

gut und weniger gut

Musik super Humor für Rentner

2 2

Re: gut und weniger gut

humor find ich auch-steif.

0 3

Re: Re: gut und weniger gut

immer

Sie sollten

bei Ihrem Handy bleiben und innerhalb Ihrer gleichsprachigen Bekannten....

 
12

Sinkothek

Meinung

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