Wiener Musikverein: Glanz und Größe von Königin Edita

45 Jahre auf der Bühne: Die slowakische Sopranistin Edita Gruberová bescherte den jubelnden Fans und sich selbst im Musikverein eine fulminante „Anna Bolena“. Ihr ist es wieder gelungen, über sich hinauszuwachsen.

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Edita Gruberová – (c) APA HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

„Giudici! Ad Anna!“ Die Faust drohend geballt, dabei Hoheit, Stolz, Entrüstung und Unglauben in der Stimme: ein genuiner Opernmoment, genau so Gänsehaut erzeugend wie die imposanten Spitzentöne und ätherischen Pianissimo-Phrasen, deren schwebende Reinheit nach wie vor ihresgleichen sucht. Die unglückliche Queen Anne Boleyn kann nicht fassen, dass ihr skrupelloser Gatte Henry VIII. sie durch eine konstruierte Ehebruchsanklage vor die Justiz bringen und damit aus dem Weg räumen will.

Doch auch über Edita Gruberová durfte sich nach diesem Abend niemand zum Richter aufschwingen und etwa argumentieren, dass die Zeit nun doch ihren vernehmbaren Tribut fordere: nicht in Anbetracht der glänzenden Form, in der die slowakische Sopranistin diesmal wieder antrat – marginalen Abstrichen zum Trotz. Es ist ja so, dass Edita Gruberová genau genommen nur eine mächtige Konkurrentin besitzt: sich selbst. Das führt dazu, dass manche Opernfreunde sich ihre Erinnerungen lieber unbehelligt von mittlerweile deutlicher schwankenden Tagesverfassungen bewahren wollen – wie sie etwa an der Staatsoper bei „Roberto Devereux“ im vergangenen Mai und Juni zu erleben waren. Die unzähligen glühenden Fans strömten jedenfalls in den Musikverein und empfingen reichen Lohn für ihre teils jahrzehntelange Treue: Ihrem Idol ist es wieder gelungen, über sich hinauszuwachsen.

„Wenn des der Strauss g'hört hätt'“, schwärmte Karl Böhm schon 1976 über ihre Zerbinetta, die sich allerdings noch enorm entwickeln sollte, bis schließlich Virtuosität und Ausdruckskraft auf atemberaubende, singuläre Weise zusammenwirkten. Davon konnten ihre Aufnahmen leider immer nur einen Teil abbilden: Man musste es erlebt haben. Dabei hatte sie sich die gefürchtete Rolle in der Sanjust-Inszenierung erst erkämpfen müssen. Es wurde ihr Durchbruch. 97 Vorstellungen weist die Statistik allein für Wien aus, gefolgt von 88 Mal „Lucia di Lammermoor“ sowie natürlich Mozart.

Konzertante Belcanto-Eroberungen

Zu ihrer Domäne aber wurde das Belcanto-Repertoire, etwa in Gestalt der Elvira in Bellinis „Puritani“. Im Haus am Ring in der Titelpartie von Donizettis „Anna Bolena“ aufzutreten, blieb der Gruberová jedoch bislang verwehrt: Nach der Premierenserie 2011 (mit Netrebko) engagierte man sie „nur“ für die jüngst erfolgte Tournee nach Japan, wo sie kultische Verehrung genießt. Dass nun ihr Jubiläum in Wien gerade im Musikverein begangen wird, passt insofern, als sie ihre Belcanto-Eroberungen vielfach auf konzertanten Wegen unternommen oder zumindest begonnen hat: auch an der Staatsoper, mit „Lukrezia Borgia“ und sogar der „Norma“.

Ganz sind die imposanten 45 Bühnenjahre noch nicht verstrichen: Im Februar 1968 debütierte die blutjunge Slowakin als gewiefte Rosina in Rossinis „Barbiere di Siviglia“ im heimatlichen Bratislava. Deshalb folgen im Musikverein noch am 8. und 18. Februar konzertante Aufführungen der neuesten Errungenschaft der nimmermüden Edita Gruberová, mit der sie 2015 im Theater an der Wien zu erleben sein soll.

Die Anna Bolena ist dagegen eine alte Bekannte – und eine, die ihrer Stimme entgegenkommt. Die Partie bietet Gelegenheit für effektvoll platzierten Höhenglanz, gewiss – mehr noch aber für fein ziselierte, geschmeidig ausgebreitete Phrasen in zartestem Klang, den sie dennoch jederzeit zu größtem Aplomb steigern und wieder zurücknehmen kann. Wenn diese Anna Bolena ihre Jugendliebe Lord Percy zur Vorsicht mahnt, umgarnt sie ihn mit fadenfein gesponnenen Goldtönen: Es ist diese Präzision in Phrasierung und Intonation, die in solchen Momenten nach wie vor verzaubert.

José Bros, seit Jahren einer der bevorzugten Partner der Gruberová, gab den glücklosen Kavalier mit seinem bekannt hellen, nasal klingenden, biegsam-schlanken Tenor – und kam professionell über eine gesangliche Hürde hinweg, die sich ihm in der letzten Arie in den Weg stellte. Die persönlichkeitsstarke Sonia Ganassi fächerte mit ihrem vielleicht nicht opulent, jedenfalls aber charakteristisch klingenden Mezzosopran die Partie der Giovanna Seymour zwischen zarten Gewissensqualen und der vokalen Glut einer gestandenen Eboli aus – mit einer Intensität, die nur in Gruberová ihr vokales Pendant fand, denn der stumpf tönende Enrico von Riccardo Zanellato rangierte deutlich abgeschlagen. Hagar Sharvit als Smeton und Andrew Lepri Meyer als tadelloser Stichwortgeber Hervey ragten aus der übrigen Besetzung hervor, die gemeinsam mit dem braven Münchner Opernchor und Opernorchester unter Pietro Rizzo dem Abend eine nicht gerade luxuriöse, aber solide Grundlage gaben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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