Wiener Musikverein: Glanz und Größe von Königin Edita

04.01.2013 | 16:57 |  von Walter Weidringer (Die Presse)

45 Jahre auf der Bühne: Die slowakische Sopranistin Edita Gruberová bescherte den jubelnden Fans und sich selbst im Musikverein eine fulminante „Anna Bolena“. Ihr ist es wieder gelungen, über sich hinauszuwachsen.

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„Giudici! Ad Anna!“ Die Faust drohend geballt, dabei Hoheit, Stolz, Entrüstung und Unglauben in der Stimme: ein genuiner Opernmoment, genau so Gänsehaut erzeugend wie die imposanten Spitzentöne und ätherischen Pianissimo-Phrasen, deren schwebende Reinheit nach wie vor ihresgleichen sucht. Die unglückliche Queen Anne Boleyn kann nicht fassen, dass ihr skrupelloser Gatte Henry VIII. sie durch eine konstruierte Ehebruchsanklage vor die Justiz bringen und damit aus dem Weg räumen will.

Doch auch über Edita Gruberová durfte sich nach diesem Abend niemand zum Richter aufschwingen und etwa argumentieren, dass die Zeit nun doch ihren vernehmbaren Tribut fordere: nicht in Anbetracht der glänzenden Form, in der die slowakische Sopranistin diesmal wieder antrat – marginalen Abstrichen zum Trotz. Es ist ja so, dass Edita Gruberová genau genommen nur eine mächtige Konkurrentin besitzt: sich selbst. Das führt dazu, dass manche Opernfreunde sich ihre Erinnerungen lieber unbehelligt von mittlerweile deutlicher schwankenden Tagesverfassungen bewahren wollen – wie sie etwa an der Staatsoper bei „Roberto Devereux“ im vergangenen Mai und Juni zu erleben waren. Die unzähligen glühenden Fans strömten jedenfalls in den Musikverein und empfingen reichen Lohn für ihre teils jahrzehntelange Treue: Ihrem Idol ist es wieder gelungen, über sich hinauszuwachsen.

„Wenn des der Strauss g'hört hätt'“, schwärmte Karl Böhm schon 1976 über ihre Zerbinetta, die sich allerdings noch enorm entwickeln sollte, bis schließlich Virtuosität und Ausdruckskraft auf atemberaubende, singuläre Weise zusammenwirkten. Davon konnten ihre Aufnahmen leider immer nur einen Teil abbilden: Man musste es erlebt haben. Dabei hatte sie sich die gefürchtete Rolle in der Sanjust-Inszenierung erst erkämpfen müssen. Es wurde ihr Durchbruch. 97 Vorstellungen weist die Statistik allein für Wien aus, gefolgt von 88 Mal „Lucia di Lammermoor“ sowie natürlich Mozart.

Konzertante Belcanto-Eroberungen

Zu ihrer Domäne aber wurde das Belcanto-Repertoire, etwa in Gestalt der Elvira in Bellinis „Puritani“. Im Haus am Ring in der Titelpartie von Donizettis „Anna Bolena“ aufzutreten, blieb der Gruberová jedoch bislang verwehrt: Nach der Premierenserie 2011 (mit Netrebko) engagierte man sie „nur“ für die jüngst erfolgte Tournee nach Japan, wo sie kultische Verehrung genießt. Dass nun ihr Jubiläum in Wien gerade im Musikverein begangen wird, passt insofern, als sie ihre Belcanto-Eroberungen vielfach auf konzertanten Wegen unternommen oder zumindest begonnen hat: auch an der Staatsoper, mit „Lukrezia Borgia“ und sogar der „Norma“.

Ganz sind die imposanten 45 Bühnenjahre noch nicht verstrichen: Im Februar 1968 debütierte die blutjunge Slowakin als gewiefte Rosina in Rossinis „Barbiere di Siviglia“ im heimatlichen Bratislava. Deshalb folgen im Musikverein noch am 8. und 18. Februar konzertante Aufführungen der neuesten Errungenschaft der nimmermüden Edita Gruberová, mit der sie 2015 im Theater an der Wien zu erleben sein soll.

Die Anna Bolena ist dagegen eine alte Bekannte – und eine, die ihrer Stimme entgegenkommt. Die Partie bietet Gelegenheit für effektvoll platzierten Höhenglanz, gewiss – mehr noch aber für fein ziselierte, geschmeidig ausgebreitete Phrasen in zartestem Klang, den sie dennoch jederzeit zu größtem Aplomb steigern und wieder zurücknehmen kann. Wenn diese Anna Bolena ihre Jugendliebe Lord Percy zur Vorsicht mahnt, umgarnt sie ihn mit fadenfein gesponnenen Goldtönen: Es ist diese Präzision in Phrasierung und Intonation, die in solchen Momenten nach wie vor verzaubert.

José Bros, seit Jahren einer der bevorzugten Partner der Gruberová, gab den glücklosen Kavalier mit seinem bekannt hellen, nasal klingenden, biegsam-schlanken Tenor – und kam professionell über eine gesangliche Hürde hinweg, die sich ihm in der letzten Arie in den Weg stellte. Die persönlichkeitsstarke Sonia Ganassi fächerte mit ihrem vielleicht nicht opulent, jedenfalls aber charakteristisch klingenden Mezzosopran die Partie der Giovanna Seymour zwischen zarten Gewissensqualen und der vokalen Glut einer gestandenen Eboli aus – mit einer Intensität, die nur in Gruberová ihr vokales Pendant fand, denn der stumpf tönende Enrico von Riccardo Zanellato rangierte deutlich abgeschlagen. Hagar Sharvit als Smeton und Andrew Lepri Meyer als tadelloser Stichwortgeber Hervey ragten aus der übrigen Besetzung hervor, die gemeinsam mit dem braven Münchner Opernchor und Opernorchester unter Pietro Rizzo dem Abend eine nicht gerade luxuriöse, aber solide Grundlage gaben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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11 Kommentare

Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

dann aber hoffentlich mit einem höhensichereren Partner als Josè Bros, der in der zweiten Strophe der Cabaletta (und nicht in der Arie!) keineswegs "professionell" über eine "gesangliche Hürde" hinweg kam, sondern bei den dort geforderten Acuti - für alle hörbar - deutlich überfordert war und einen veritablen Schmiss hinlegte. Dieser Unterschied sollte eigentlich auch einem Musikkritiker hörbar, und somit erlebbar sein...

Re: Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

Fragen über Fragen!

1) Haben Sie jemals auf einer Bühne gestanden?

2) Können Sie es besser?

3) Singen Sie auch?

4) Waren Sie immer "perfekt"????

Ich erwarte definitiv eine Antwort von Ihnen! Da ich nicht glaube, dass Sie jemals an der Akademie oder am damaligen Konsi studiert haben!

Re: Re: Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

Also, das alte Totschlagargument "Können Sie es besser?" ist kein gültiges, denn man kann kein ausgebildeter Sänger sein und trotzdem feststellen, daß wer anderer nicht gut singen kann. Schließlich kann man auch feststellen, daß ein Schispringer nicht weit gehüpft ist, ohne selber jemals über die Schanze gesprungen zu sein. Und es muß auch erlaubt sein, denn "wollen" ist kein Ersatz für "können", schon gar nicht, wenn man sich dafür bezahlen läßt, so wie es bei Solosängern üblich ist. Ihre fleißigen Bemühungen im Laienchor in Ehren, aber wir reden hier von Profis!

Re: Re: Re: Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

@schreker: wenn ich etwas nicht besser, oder gar gut kann, dann bin ich demütig! Was Ihnen wohl nicht gegeben ist! Ich habe Gesang studiert! Und genau deshalb weiß ich, wie schwierig Singen ist! Ich war in dieser Aufführung und als der angebliche "Superschmiss" passiert ist, war ich schon von mehr als 3(!) Stunden Aufführung so überwältigt, dass ich Tränen in den Augen hatte!!!! Es war eine exzellente Aufführung!!!!!!!

Re: Re: Re: Re: Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

Also, ich kann zum Beispiel nicht Nudeln durch die Nase essen, und trotzdem bin ich nicht demütig vor Leuten, die das können. Man kann eben nicht alles können. Was man aber sehr wohl verlangen kann ist, daß man gut in dem ist, wofür man sich im Leben entschieden hat. Ich habe übrigens auch eine Gesangsausbildung, habe mich aber schon relativ zu Beginn mangels Anlage dazu entschieden, das nicht professionell zu betreiben. Naja, ich war bei dem Konzert nicht dabei und kann nicht darüber urteilen, obs nun ein harmloses Hoppala oder totale Überforderung war. Daß man nach 3 Stunden Gruberova zu weinen anfängt, kann ich allerdings gut verstehen - bei mir ist das meistens schon nach 3 Minuten der Fall.

Re: Re: Re: Re: Re: Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

shreker: Welche Gesnagsausbildung Sie auch immer genossen haben mögen, sei dahin gestellt! Ich habe mit so "unbekannten" Musikanten, wie einem Franzi Möst schon vor Jahrzehnten Musik gemacht! Was auch immer Sie meinen, ist mir völlig egal, da nicht im mindesten repräsentativ!

Re: Re: Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

Offenbar im Gegensatz zu vielen Kritikastern habe ich schon oft bei musikalischen Aufführungen mitgewirkt. Ich weiß daher, was es heißt, Musik aktiv zu betreiben!

Musiker generell haben den großen Nachteil - im Unterschied zu Malern, Dichtern, Schriftstellern etc. - dass sie nichts mehr korrigieren können. Ist ein Ton einmal "draußen", ist er unveränderbar!

Und zu Ihrem Punkt 2: Bezüglich der Frühstückseier darf ich Ihnen versichern, dass ich das Zubereiten derselben beherrsche!

Gestanden?

Was sollte Cerberus denn just auf einer Bühne gestanden haben - und warum ausgerechnet ebendort?
Zur Frage Nr. 2 die übliche Replik: Sie beurteilen doch auch die Qualität Ihrer Frühstückseier, ohne welche legen zu können oder haben Sie etwa gar doch?

Re: Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

Wenn man schon beckmesserisch glaubt, Dinge besser zu wissen, empfiehlt es sich, diese Maßstäbe auch in den eigenen Posts anzulegen: es wird nämlich 2015 mitnichten Il Pirata im TadW zu hören sein.

Re: Re: Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

Da haben Sie mich jetzt am falschen Fuß erwischt. Sie haben recht: Es wird über "La Straniera" von Bellini in einer Übernahme der Züricher Inszenierung mit dem Theater in der Wien verhandelt. Ob dieser Vertrag bereits unterzeichnet wurde. ist mir nicht bekannt.
Was dies allerdings mit dem Ausstieg von Bros und dessen eigenartiger Darstelllung durch Weidringer anlangt, ist mir dabei nicht ersichtlich.

Re: Il Pirata von Bellini wird 2015 im Theater an der Wien zu hören sein

musikkritiker? lol good one!
gemüsehändler!!!

Sinkothek

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