Anna Prohaska: Nymphe mit schärfstem Intellekt

Anna Prohaska, Berliner Sopranistin mit Wiener Wurzeln, pendelt zwischen ihren Heimatstädten und erzählt im Gespräch mit der "Presse" über die Erstellung kluger Programme für höchst ungewöhnliche Recitals.

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Anna Prohaska – (c) AP (Kerstin Joensson)

Anna Prohaska? Ja, sie ist berühmt geworden, ohne sich mit Brachialgewalt in den Vordergrund zu spielen. Ihr Name erscheint nicht in den Klatschspalten. Aber sie ist im rechten Moment zur Stelle und brilliert, ob als Zerlina zur Inaugurazione der Mailänder Scala oder mit dem „Lied der Lulu“ zur Eröffnung der Salzburger Festspiele – und dann wirkt es, als gehörte sie immer schon dazu.

Dabei ist sie erst 29 Jahre alt. Mit wachem Geist sucht sie Programme für höchst ungewöhnliche Recitals, wird in verborgenen Winkeln der Musikgeschichte fündig und setzt Kenner in Erstaunen: Auch wenn die CD-Covers verkaufsfördernd das Gegenteil zu suggerieren scheinen, gehört intellektueller Tiefgang zu Anna Prohaskas Markenzeichen. Regisseure betrachten die Tatsache, dass diese Künstlerin blendend aussieht, nur noch als willkommene Zuwaage. Mit der Sängerin über die Abfolge eines Soloabends zu sprechen, wird zur spannenden musikologischen Tour d'Horizon.

Den geheimnisvollen Feenwesen bleibt Anna Prohaska treu. Nach ihrem ersten Soloalbum für die Deutsche Grammophon, „Sirène“, wechselt sie diesmal „vom Wasser in den Wald“, in einen „Zauberwald“, wie jener aus Shakespeares „Sommernachtstraum“, auf den Spuren der menschlichen Seelentiefen und „-untiefen“, steht doch der Wald stets „für das Wagnis, sich aus der Zivilisation herauszubewegen“.

Wobei die Künstlerin ihr neues Programm keineswegs auf Shakespeare-Vertonungen beschränkt. Das wäre simpel, doch sie liebt feinsinnige Kombinatorik: „Ich wollte neben der englischen auch die mediterrane Seite erforschen. Gerade in der römischen und griechischen Mythologie finden wir ja viele Waldnymphen, die von den Göttern begehrt und betrogen werden.“

Prohaskas Repertoire-Erkundungen begannen auf den Spuren der Daphne. Dass sich die Nymphe in Ovids Erzählung „durch ihre Verwandlung, durch Verwurzelung den Nachstellungen Apollos entzieht“, hat Anna Prohaska besonders fasziniert.

Philosophieren über Dramaturgie

Verschiedene Vertonungen mythologischer Szenen führen uns zurück bis zu den Anfängen der Oper – und stellen die Interpretin vor das Problem, für die musikalischen Nummern aus unterschiedlichen Epochen jeweils die adäquate Begleitung finden zu müssen. Für die CD-Produktion ergab sich dabei im Studio eine reizvolle Klangvielfalt, die sich auf Konzerttourneen in solchem Variantenreichtum nicht beibehalten lässt.

„Wenn wir eine Reise vorbereiten, dann müssen wir uns auch praktische Überlegungen stellen.“ Welches Instrumentarium? Welche dramaturgische Abfolge mit der rechten Balance zwischen zündenden und ruhigen Nummern? Welche instrumentalen Intermezzi, die ja auch die Aufgabe haben, „zwischen den Stimmungen und den Tonarten zu vermitteln – wir haben da richtige kleine Suiten zusammengestellt“, sagt die Sängerin und hofft insgeheim, dass das Publikum die zusammengehörigen Teile als Einheiten begreifen und genießen möge, „wie eine kleine Oper“.
Diese enthält im Fall des „Zauberwaldes“ Nummern von Purcell, Händel, Vivaldi und Jan Dismas Zelenka. Die Tournee führt von heute an von Wien über verschlungene Pfade nach Berlin: „Ich beginne also in einer meiner beiden Heimatstädte und ende in der zweiten.“ Anna Prohaska, Spross einer Wiener Musikerfamilie – ihr Großvater war der auch an der Staatsoper viel beschäftigte Kapellmeister Felix Prohaska –, ist als Jugendliche mit ihren Eltern, dem Wiener Papa (Regisseur) und der irisch-englischen Mutter (Sängerin) nach Berlin übersiedelt, hat dort ihre wichtigsten Schuljahre und das Studium absolviert.
Nach Wien zurückgekehrt, fühlt sie sich „immer wieder voll integriert, spätestens, wenn ich den Naschmarkt entlanglaufe“. Noch sagt sie freilich „laufen“ zum Spazierengehen, gab es doch bis dato jeweils maximal zweiwöchige Aufenthalte, „in denen ich bei Onkel und Tante unterschlüpfen konnte“ – Kunsthistorikern, die einst dafür gesorgt haben, dass Anna „mit Ausstellungen aufwachsen“, also ein inniges Verhältnis auch zur Bildenden Kunst entwickeln konnte.

Langsame Heimholung nach Wien

Doch demnächst rückt Wien ins Zentrum der künstlerischen Aktivitäten. Wenn die „Zauberwald“-Tournee abgeschlossen ist, folgen zwei Wien-Monate, Proben und Aufführungen von Beethovens „Fidelio“ unter Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien, dessen Intendant, Roland Geyer, auch schon einen Vertrag für die kommende Saison ausgestellt hat. „Von der Staatsoper“, sagt Prohaska, „hab ich noch nichts gehört.“
Stammhaus bleibt Berlins Linden-Oper, wo sie Ende 2013 ihre erste Pamina singen – und auch einen von Daniel Barenboim begleiteten Liederabend geben wird. „Aber dann bin ich erstmals bei ,Christmas in Vienna‘ dabei. Das freut mich riesig.“ Die „Heimholung“ gelingt offenbar auf Raten.
Musikverein: „The Enchanted Forest“ – Anna Prohaska und „Arcangelo“ unter Jonathan Cohen. Heute, Mittwoch, 19.30 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2013)

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