Anna Prohaska: Nymphe mit schärfstem Intellekt

08.01.2013 | 16:23 |  Von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

Anna Prohaska, Berliner Sopranistin mit Wiener Wurzeln, pendelt zwischen ihren Heimatstädten und erzählt im Gespräch mit der "Presse" über die Erstellung kluger Programme für höchst ungewöhnliche Recitals.

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Anna Prohaska? Ja, sie ist berühmt geworden, ohne sich mit Brachialgewalt in den Vordergrund zu spielen. Ihr Name erscheint nicht in den Klatschspalten. Aber sie ist im rechten Moment zur Stelle und brilliert, ob als Zerlina zur Inaugurazione der Mailänder Scala oder mit dem „Lied der Lulu“ zur Eröffnung der Salzburger Festspiele – und dann wirkt es, als gehörte sie immer schon dazu.

Dabei ist sie erst 29 Jahre alt. Mit wachem Geist sucht sie Programme für höchst ungewöhnliche Recitals, wird in verborgenen Winkeln der Musikgeschichte fündig und setzt Kenner in Erstaunen: Auch wenn die CD-Covers verkaufsfördernd das Gegenteil zu suggerieren scheinen, gehört intellektueller Tiefgang zu Anna Prohaskas Markenzeichen. Regisseure betrachten die Tatsache, dass diese Künstlerin blendend aussieht, nur noch als willkommene Zuwaage. Mit der Sängerin über die Abfolge eines Soloabends zu sprechen, wird zur spannenden musikologischen Tour d'Horizon.

Den geheimnisvollen Feenwesen bleibt Anna Prohaska treu. Nach ihrem ersten Soloalbum für die Deutsche Grammophon, „Sirène“, wechselt sie diesmal „vom Wasser in den Wald“, in einen „Zauberwald“, wie jener aus Shakespeares „Sommernachtstraum“, auf den Spuren der menschlichen Seelentiefen und „-untiefen“, steht doch der Wald stets „für das Wagnis, sich aus der Zivilisation herauszubewegen“.

Wobei die Künstlerin ihr neues Programm keineswegs auf Shakespeare-Vertonungen beschränkt. Das wäre simpel, doch sie liebt feinsinnige Kombinatorik: „Ich wollte neben der englischen auch die mediterrane Seite erforschen. Gerade in der römischen und griechischen Mythologie finden wir ja viele Waldnymphen, die von den Göttern begehrt und betrogen werden.“

Prohaskas Repertoire-Erkundungen begannen auf den Spuren der Daphne. Dass sich die Nymphe in Ovids Erzählung „durch ihre Verwandlung, durch Verwurzelung den Nachstellungen Apollos entzieht“, hat Anna Prohaska besonders fasziniert.

Philosophieren über Dramaturgie

Verschiedene Vertonungen mythologischer Szenen führen uns zurück bis zu den Anfängen der Oper – und stellen die Interpretin vor das Problem, für die musikalischen Nummern aus unterschiedlichen Epochen jeweils die adäquate Begleitung finden zu müssen. Für die CD-Produktion ergab sich dabei im Studio eine reizvolle Klangvielfalt, die sich auf Konzerttourneen in solchem Variantenreichtum nicht beibehalten lässt.

„Wenn wir eine Reise vorbereiten, dann müssen wir uns auch praktische Überlegungen stellen.“ Welches Instrumentarium? Welche dramaturgische Abfolge mit der rechten Balance zwischen zündenden und ruhigen Nummern? Welche instrumentalen Intermezzi, die ja auch die Aufgabe haben, „zwischen den Stimmungen und den Tonarten zu vermitteln – wir haben da richtige kleine Suiten zusammengestellt“, sagt die Sängerin und hofft insgeheim, dass das Publikum die zusammengehörigen Teile als Einheiten begreifen und genießen möge, „wie eine kleine Oper“.
Diese enthält im Fall des „Zauberwaldes“ Nummern von Purcell, Händel, Vivaldi und Jan Dismas Zelenka. Die Tournee führt von heute an von Wien über verschlungene Pfade nach Berlin: „Ich beginne also in einer meiner beiden Heimatstädte und ende in der zweiten.“ Anna Prohaska, Spross einer Wiener Musikerfamilie – ihr Großvater war der auch an der Staatsoper viel beschäftigte Kapellmeister Felix Prohaska –, ist als Jugendliche mit ihren Eltern, dem Wiener Papa (Regisseur) und der irisch-englischen Mutter (Sängerin) nach Berlin übersiedelt, hat dort ihre wichtigsten Schuljahre und das Studium absolviert.
Nach Wien zurückgekehrt, fühlt sie sich „immer wieder voll integriert, spätestens, wenn ich den Naschmarkt entlanglaufe“. Noch sagt sie freilich „laufen“ zum Spazierengehen, gab es doch bis dato jeweils maximal zweiwöchige Aufenthalte, „in denen ich bei Onkel und Tante unterschlüpfen konnte“ – Kunsthistorikern, die einst dafür gesorgt haben, dass Anna „mit Ausstellungen aufwachsen“, also ein inniges Verhältnis auch zur Bildenden Kunst entwickeln konnte.

Langsame Heimholung nach Wien

Doch demnächst rückt Wien ins Zentrum der künstlerischen Aktivitäten. Wenn die „Zauberwald“-Tournee abgeschlossen ist, folgen zwei Wien-Monate, Proben und Aufführungen von Beethovens „Fidelio“ unter Nikolaus Harnoncourt im Theater an der Wien, dessen Intendant, Roland Geyer, auch schon einen Vertrag für die kommende Saison ausgestellt hat. „Von der Staatsoper“, sagt Prohaska, „hab ich noch nichts gehört.“
Stammhaus bleibt Berlins Linden-Oper, wo sie Ende 2013 ihre erste Pamina singen – und auch einen von Daniel Barenboim begleiteten Liederabend geben wird. „Aber dann bin ich erstmals bei ,Christmas in Vienna‘ dabei. Das freut mich riesig.“ Die „Heimholung“ gelingt offenbar auf Raten.
Musikverein: „The Enchanted Forest“ – Anna Prohaska und „Arcangelo“ unter Jonathan Cohen. Heute, Mittwoch, 19.30 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2013)

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8 Kommentare

papperlapapp

von wegen schwache stimme!
nicht jede(r) ist physiognomisch geschaffen die grösstmögliche romantische orchestermusikeranzahl in einem für exakt diese schwelgenden zwecke erbauten opernhaus zu übertönen.
es gibt auch tausend jahre andere musik als unbedingt verdi bis strauss.
schön, dass es stimmen hat, die für alte oder kammermusik wie geschaffen sind.
weg mit dem immerwährenden schwabbelbebenden vibrato!

Re: papperlapapp

Ganz richtig. Man muss nicht immer die großen, dramatischen Partien singen, um sich Respekt und Anerkennung zu verdienen. Motzen tun hier auch nur die Möchtegerns, die Neider, die Nichtskönner, die sich an der Größe anderer laben und sich durch die Erniedrigung anderer erhöhen. Erst einmal selber besser machen, dann raunzen. Frau Prohaskas Konzert in Wien mit Arcangelo war exquisit... ein wahres Vergnügen. Und ja, natürlich gibt es auch andere Sängerinnen und Sänger. Freuen wir uns doch über mögligst viel Talent in möglichst vielen Facetten!

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Eine...

...von vielen.

Staatsoper

Anna Prohaska hat von der Staatsoper noch nichts gehört ... das ist gut so, denn in diesem Haus würde man sie nicht hören. Die Stimme ist doch sehr klein. Wieder wird hier eine junge Sängerin gepuscht, die dann den hohen Erwartungen nicht gerecht werden kann. Ihre Despina in Salzburg 2011 war sehr schwach.

Re: Staatsoper

In der Staatsoper hört man auch keine großen Stimmen, zu mindest wenn FWM dirigiert, so wie er die Sänger niederdrischt, wie im 'Totenhaus'.

a zwirnsfaden dünnes einheitsstimmerl

was aus der wohl einmal werden wird, gibt es doch mindest ein dutzend von der gattung, kein timbre, keine persönlichkeit, hübsch aber langweilig....gefällt wohl den alten herren a la abbado, barenboim,sinkovicz.etc

Re: a zwirnsfaden dünnes einheitsstimmerl

Selten so einen unintelligenten Kommentar gelesen. Wahrscheinlich haben Sie Frau Prohaska noch nie live erlebt. Sie ist eine große Persönlichkeit, und egal wie groß oder klein, sie hat eine wunderschöne Stimme und eine feine Musikalität und Wissen um Musik.

schreker

Liebe Frau Prohaska: Sie können ja eh gut singen, also sollten Sie sich nicht mit dem Sinkovicz einlassen, sonst geraten Sie womöglich in Verruf!

Sinkothek

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