Resonanzen-Start: Auf Sonnenkönigs Traumschiffchen

20.01.2013 | 19:24 |  STEFAN MUSIL (Die Presse)

Zur Eröffnung begaben sich Vincent Dumestre und "Le Poème Harmonique" unter französischer Flagge auf Weltreise.

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Ungebrochen ist der Trend, die kalte Jahreszeit in wärmeren Regionen zu verbringen, Pauschalangebote locken unter Palmen. Das Wiener Konzerthaus setzt mit einem Angebot der anderen Art dagegen. Es eröffnete am Samstag sein Alte-Musik-Festival „Resonanzen“, auch heuer eine geballte Offensive mit Originalinstrumentarium und Musik vergangener Jahrhunderte. Diesmal unter dem Motto „Traumreisen“.

Mit einer kompakten französischen Erderkundung ging man am Samstag an den Start. Die Reiseroute stammt in der Hauptsache von Jean-Baptiste Lully (1632–87), als Traumschiffkapitän fungierte Ensembleleiter Vincent Dumestre, der mit seiner Instrumental-Crew von „Le Poème Harmonique“ und fünf Gesangsolisten in See stach, sozusagen auf dem MS (Musikschiff) Versailles.

Denn vor allem für den Versailler Hof und seinen Herrscher, Ludwig XIV., komponierte Lully. Auch einen seiner größten Erfolge, das in Zusammenarbeit mit Molière kreierte Comédie Ballet „Le Bourgeois Gentilhomme“, das mit seinem „Ballet des Nations“ auch reichlich Stoff für ein internationales Kreuzfahrtprogramm bietet: ein Entrée der Franzosen, der Schweizer, der Italiener, der Griechen und der Spanier.

Darunter mixte man u.a. ein nettes „chanson suissesse“ in täppischem Italienisch von Charles Tessier, das der Bass Arnaud Marzorati pointiert vortrug. Und man bereicherte den Kurs, vielleicht etwas unmotiviert, um eine asiatische Station und einen chinesischen „Hymnus zu Ehren der Ahnen“ sowie das „Air des wandernden Juden“ von Etienne Moulinié.

 

Chor der vier Erdteile

Herzstück der Reise war die „Cérémonie Turque“ aus dem „Gentilhomme“, jene Szene, in der Herr Jourdain zum türkischen Mamamouchi erklärt und überlistet wird. Eine heitere Episode in „Lingua franca“, der Mischsprache der Händler im Mittelmeerraum, die zum wichtigen Impuls für den Exotismus in der französischen Musik wurde. Stoff also, mit dem auch die Vokalsolisten ihre feinen Auftritte hatten: Allen voran der klare schlackenfreie Sopran von Claire Lefilliâtre, nur knapp dahinter der kernige Bariton von André Morsch sowie die Tenöre Marcel Beekman und Serge Goubioud.

Vincent Dumestre und sein tüchtiges Musikerkollektiv, samt dem im Kastagnettentanz begabten Trommler, begleiteten wohltönend. Zum Finale fasste man die Exkursion noch mit dem Chor der vier Erdteile aus Lullys „Ballet royal de Flore“ zusammen. Ein wohltemperierter, aber nicht restlos mitreißender Abend. Jetzt ist bis 27. Jänner Zeit, dass etwa Jordi Savall, Ton Koopman oder „La Simphonie du Marais“ die Sehnsucht nach der Ferne stillen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2013)

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