Theater an der Wien: Radamisto im Goldfischteich

21.01.2013 | 16:48 |  von Walter Weidringer (Die Presse)

Jubel für die musikalische Darbietung der Händel-Oper „Radamisto“ am Theater an der Wien, Buhs für die Regie: Dirigent René Jacobs glänzte am Pult, die Inszenierung war hingegen unzulänglich.

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Radamisto hat's nicht leicht. Tiridate, der Mann seiner Schwester Polissena, hat sich in Radamistos Frau Zenobia verliebt und zieht in den Krieg, um sie mit Waffengewalt zu erobern. Erpressung, Mahnungen zur Härte und eine zum Tod entschlossene Frau setzen dem notorischen Zauderer Radamisto zu, der nicht auf die Idee kommt, Zenobia zu retten, als sie sich in die Fluten stürzt, dafür aber eine bewegende Abschiedsarie singt . . .
Kaum zu glauben, dass dieses haarsträubende Familiendrama zwischen den Herrscherhäusern von Armenien und Thrakien, das auf eine Episode bei Tacitus zurückgeht, doch noch für alle Protagonisten gut ausgehen kann.

Trotz ursprünglich großen Erfolgs hat es auch „Radamisto“ heute nicht leicht, sich aus der Fülle berühmter und charakteristischer Bühnenwerke Händels entscheidend abzuheben – der schon erwähnten Arie „Ombra cara“ des Titelhelden zum Trotz, die mit ihren höchst ausdrucksvoll verschlungenen, in schmerzlicher Chromatik schwelgenden Linien angeblich die Lieblingsschöpfung Händels war. 1720 als dessen erstes Werk für die neu gegründete Royal Academy of Music entstanden und bis 1728 in vier Fassungen präsentiert, zeigt die Dramaturgie doch klare Schwächen, wie auch René Jacobs zugibt. Doch da er als Dirigent und Reanimator ohnehin einen besonders pragmatisch-kreativen Umgang mit den Partituren von einst pflegt, scheut er sich nicht, die für ihn insgesamt schlüssigste Fassung von 1721 in einigen Punkten zu adaptieren. Großzügige Striche straffen den Ablauf, und die Figur des in Polissena unglücklich verliebten Offiziers Tigrane darf von der Hosenrolle zum Tenor gleichsam heranwachsen. Die Kostbarkeiten und Eigentümlichkeiten des Werks aber, darunter sich emanzipierende Mittelstimmen und ein unerhörtes Quartett in der Schlussszene, rückt er ins beste Licht.

Klanglich hoch differenzierte Rezitative

In der Tat kommen die aufregendsten Töne bei dieser Neuproduktion des Theaters an der Wien aus dem Graben: Das Freiburger Barockorchester arbeitet mit Farbenpracht und enormer expressiver Palette die Fülle der Emotionen heraus: von mitreißend tobenden Furien bis zu tränenerstickter Trauer. Das schließt auch erregt zitternde oder wie Donner grollende Klänge in den zwischen Laute, Cembalo und Orgel klanglich hoch differenzierten Rezitativen mit ein, die Jacobs ja auch als Dirigent nicht aus der Hand gibt, sondern als integralen Bestandteil der Musik begreift und begreiflich macht.

Auf der Bühne unterstützt Jacobs dabei eine Besetzung, bei der nach seinem Geschmack nicht die Fülle des Wohllauts, sondern die Glut des Vortrags im Zentrum steht. Unter diesen Vorzeichen reüssiert der stets präsente Florian Boesch als despotischer Tiridate am meisten, weil er Händels hohe Agilität fordernde Gesangslinien auf seine ureigene Weise zur Charakterisierung des zuletzt geläuterten Bösewichts heranziehen kann. Patricia Bardon als Zenobia, dieses „Muster rechtschaffener Liebe“, gelingt dies trotz einiger forcierter Töne kaum minder intensiv. Nicht so leicht hat es da erneut Radamisto in Gestalt des Countertenors David Daniels, der nicht immer über die wünschenswerte Geschmeidigkeit und Treffsicherheit für die hochvirtuos-edlen Girlanden verfügt, die Händel bei der Uraufführung übrigens keinem Kastraten, sondern der gefeierten Margherita Durastanti zugeteilt hat. Sophie Karthäuser als klare, aber zur Herbheit tendierende Polissena, der angenehme und wendige Tenor von Jeremy Ovenden (Tigrane) und, etwas leichgewichtig, Fulvio Bettini (Farasmane) ergänzten das Ensemble.

Am schwersten aber hatte es „Radamisto“ durch die uninspirierte Inszenierung von Vincent Boussard. Aus Freuds Traumdeutung als Symbol übernommene, allgegenwärtig projizierte Goldfische, die durchs überwiegende Halbdunkel des Einheitsraums (Bühne: Vincent Lemaire) irrlichtern, ein Statistinnencorps als szenische Mädchen für alles (mit barockem Faltenwurf von Christian Lacroix), eine lange Tafel als Catwalk des Bösen – all das kann eine spannungsreiche Personenführung nicht ersetzen und verschleiert das Geschehen mehr als es zu durchleuchten: Ein Aquarium ist spannender.

Noch am 22., 24., 27., 29., 31. 1.; auf Ö1: 23. 2.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2013)

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