Roberto Alagna antwortet auf Grundsatzfragen

Staatsoper. Demnächst hat man die alte „Maskenball“-Inszenierung 80 Mal gezeigt: Fürs Stimmtheater taugt sie noch.

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(c) EPA (Manuel Bruque)

Für all jene, denen die Staatsoper mit der jüngsten Premiere zu weit gegangen ist in Sachen guten Vokalgeschmacks, feiern Seite an Seite mit der neuen „Cenerentola“ in Verdis „Maskenball“ die sogenannten Spinto-Stimmen Hochzeit. Mehr als 40 Jahre liegen zwischen den beiden Werken. Und ein Wutanfall des Komponisten Rossini über die Vergröberung der Vokalsitten. Ohne vermehrten Druck auf die Stimmbänder ließe sich Verdi freilich nicht singen. Die forcierteren Auswüchse des Belcanto haben viele zu Opernliebhabern gemacht, die an der laufenden Serie des „Ballo in maschera“ ihre Freude haben können.

Roberto Alagna, man glaubt es kaum, feierte am Montag sein Debüt als GustavIII. – und er ist geradezu der Prototyp des lebensfrohen, leichtfertigen und im Angesicht der Katastrophe geradezu kindlich-naiven Lebemanns. Man liebt ihn, man erkennt auch seine politischen Schwächen; und er fällt dem Dolchstoß seines eifersüchtigen Vertrauten Ankarström zum Opfer. Die Geschichte ist in all ihren melodramatischen Facetten im Pappendeckelbühnenbild der mittlerweile 25 Jahre alten Inszenierung Gianfranco de Bosios zu erleben. Alagna hat alle metallische Strahlkraft für die repräsentativen Szenen, aber auch die Agilität für jene spritzigen Ensembles, in denen Verdi tatsächlich die Rossini-Nachfolge antritt.

Dass der Tenor mit dem eloquenten Oscar Ileana Toncas mithalten kann, aber auch vor den expressiven Attacken seiner Geliebten Amelia nicht klein beigeben muss, deren Persönlichkeit Sondra Radvanovsky mit Primadonnen-Expansion genügend Raum verschafft, das macht diesen Abend zu einem Fest der vokalen Wandlungsfähigkeit.

Radvanovsky, von der Mailänder Scala bis zur heimatlichen Metropolitan Opera eine gesuchte Diva, präsentierte sich mit diesem Debüt erst in ihrer zweiten Wiener Rolle – und bringt Erinnerungen an eine Ära machtvolleren Stimmtheaters ins Spiel, denen auch der betrogene Ehemann zu genügen trachtet: Gabriele Viviani gibt den René und tönt nur in der Tiefe ein wenig schüchtern. Im Übrigen ist er als treuer Diener seines Herrn so glaubwürdig wie als eifernder Rächer: Manche Passagen in den beiden Arien lassen an große, ebenso weitbogig phrasierende Vorbilder denken.

Aus dem Ensemble: Monika Bohinec gibt die Ulrica und paart beeindruckende Präsenz mit ebenso schönem Timbre. Aufhorchen lässt in der Kleinstrolle des glücklichen Seemanns Christian der junge Italiener Alessio Arduini: In zwei, drei Sätzen vermag er die Aufmerksamkeit auf seinen wohlklingenden Bariton zu lenken.

Das Orchester ist den Sängern ein ebenso wohltönender Partner – Philippe Augin organisiert vom Pult aus unprätentiös, sicher, hie und da zu klobig; die nötige Geschmeidigkeit stellt sich dann jeweils spätestens beim zweiten Anlauf ein. Man versteht es hierzuland ja, zuzuhören...
„Ballo in maschera“: 31.1., 3.2.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2013)

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