Die Mozartwoche realisierte Richard Wagners Träume

03.02.2013 | 18:35 |  WALTER DOBNER (Die Presse)

Starkes Salzburger Finale: J. C. Bachs „Lucio Silla“, die Philharmoniker, Bychkov und die hinreißende Elisabeth Kulman.

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Die „Lucio Silla“-Vertonungen von Mozart und jene des von Mozart hochverehrten Johann Christian Bach beruhen auf derselben Textvorlage. Mozarts Version ist dramatischer und, wenngleich früher entstanden, insofern moderner, als sie auf die Psychologie der Figuren setzt. Der Bach-Sohn, der Mozarts Version kannte, bedachte nicht nur seine Sänger mit effektvollen Nummern. Dass ihm auch das damals für seine Fähigkeiten europaweit geschätzte Mannheimer Orchester zur Verfügung stand, rief die konzertante Aufführung mit dem unter der inspirierenden Leitung von Ivor Bolton mustergültig aufspielenden Mozarteum-Orchester in Erinnerung.

Bolton deutete die Partitur mindestens ebenso lebendig wie in der Woche davor Marc Minkowski Mozarts Version. Er konnte auch auf ein so qualitätvolles wie homogenes Solistenensemble zählen. Voran den kraftvoll artikulierenden jungen britischen Tenor Benjamin Hulett für die Titelpartie, Sylvia Schwarz als emphatische Giunia und Lydia Teuscher als etwas geradlinig phrasierenden Cecilio. Carolyns Sampsons Celia, Andrew Foster-Williams Cinna und Andrew Tortises Aufidio fügten sich gut ins Ensemble. Makellos der von Alois Glaßner studierte Salzburger Bachchor.

 

Wagner, vollendet gesungen

Ein Ereignis war das dritte „Philharmonische“ dieser Mozartwoche. Gesundheitliche Gründe zwangen Georges Prêtre abzusagen. Semyon Bychkov übernahm, tauschte die geplante „Prager“ gegen die „Jupiter“-Symphonie, beließ aber die mit einem Mozartfestival nicht unbedingt in Verbindung zu bringenden Programmpunkte: Bizets kostbare, hierzulande rare C-Dur-Symphonie und – aus Anlass dieses Jubiläums – Wagners Wesendonck-Lieder.

Wenigstens von der Mitte des Stirnsatzes an kam die Bizet-Symphonie mit Esprit und glänzenden Soli – exzellent die Oboeneinwürfe von Clemens Horak, der dafür auch Sonderapplaus erhielt – über die Rampe des Großen Festspielhauses. Der russische Maestro und die Philharmoniker verstehen einander mittlerweile; erst recht bei Wagner: Bychkov legt mit dem auf höchstem Niveau musizierenden, mit brillanten Soli aufwartenden Orchester der Solistin einen Teppich, wie er idealer nicht sein könnte. Elisabeth Kulman dankt es mit einer an Expressivität, Genauigkeit und Textdeutlichkeit schier unübertrefflichen Darstellung des Gesangsparts.

Perfekt, in moderaten Tempi vor allem in den beiden ersten Sätzen, beispielhaft transparent in den kontrapunktischen Passagen gelang die „Jupiter“-Symphonie. An den außergewöhnlichen Wagner davor kam diese traditionelle Interpretation freilich nicht heran.

„Lucio Silla“ in Ö1: 8. Februar (19.30)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2013)

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1 Kommentare

Großartig musizierter Mozart

Bychkovs und der Philharmoniker Interpretation der Jupiter-Symphonie war ein künstlerischer Höhepunkt der Mozartwoche, ein außergewöhnliches Hör-Erlebnis, bei dem man über weite Strecken fast schon den Atem anhielt, ob des Gelungenseins der Übergänge, der filigranen Ziseliertheit der musikalischen Ausgestaltung, stets mit Blick auf die Gesamtkomposition. Ein Musizieren im eigentlichen Wortsinn, eine ganz andere Kategorie als das allzuoft im Konzertsaal vorherrschende Herunterspielen von scheinbar Altbekanntem im Versuch, eine Pseudo-Interpretation vorzulegen. Da atmete jede scheinbar noch so unbedeutende Note und erfüllte bedeutsam ihren Zweck im künstlerischen Gesamtgefüge: den Zweck eines übergeordneten, hinter den Noten stehenden Ausdrucks. In diesem Sinne fand ich die Interpretation alles andere als "traditionell", vielmehr war man als Zuhörer erstaunt und überaus dankbar, das Altbekannte mit so neuen Ohren hören zu dürfen. Und wer vor einigen Tagen das - abgesehen von der pianistischen Leistung Aimards - missglückte philharmonische Konzert im Großen Festspielhaus unter der Leitung des jungen Dirigenten Currentzis, der dem Orchester einen breiigen Forte-Einheitsklang aufoktroyierte, miterleben konnte, der dankt Semyon Bychkov umso mehr für sein nobles, organisches, das in den dargebotenen Werken Angelegte so überzeugend herüberbringendes, der Musik verpflichtetes Dirigat.

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