Eine attraktive Carmen in Marburg

03.02.2013 | 18:35 |  HARLD HASLMAYR (Die Presse)

Die erste Opernproduktion an der Drau dieses Jahr ist ein respektabler Erfolg: Philippe Arlauds Inszenierung fokussiert auf Don José - mit fatalistischer Wucht.

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Seit dem Vorjahr, als sich das slowenische Marburg als europäische Kulturhauptstadt präsentierte, werden auch hierzulande die Opernpremieren intensiv beworben. So ist es für den Grazer Musikfreund Zeit für einen Abstecher in die nahegelegene, ehemals untersteirische Metropole an der Drau. Für die erste Opernproduktion dieses Jahres engagierte man als Regisseur Philippe Arlaud, an den man sich in unseren Breiten vor allem wegen seiner umstrittenen Bayreuther „Tannhäuser“-Produktion mit Christian Thielemann erinnert.

Auch in Marburg setzt Arlaud ganz auf seine Stärken: die atmosphärisch ungemein dichte Spannung zwischen nuancenreich erzählter Handlung und farblich intensiven Bühnenbildern sowie seine beeindruckende Personenführung. Die geradezu magische Lichtregie evoziert streckenweise sogar cineastische Effekte, es entstehen präzise Szenenbilder. Selten hat man sich an einer so souveränen Gestaltung der zahlreichen Chor- und Ensembleszenen erfreuen dürfen.

 

Eine andalusische Tragödie im Geiste Rilkes

Inhaltlich richtet Arlaud den Fokus auf die innere Entwicklung des Don José, dessen Leidenschaft und schließlicher Verfall ihm noch im Untergehen Verständnis und sogar Sympathie zuteil werden lassen. Carmen erscheint als kühl berechnende, oft eisig kalkulierende anarchische Frau, die freilich im Kartenterzett zu archaisch-femininer Größe gelangt. Dass in dieser andalusischen Tragödie alles genauso kommen muss, wie es letztlich kommt, ganz im Sinn von Rilkes „Wie ein Traum hat es begonnen, als ein Schicksal hört es auf“, darin liegt die überzeugend-fatalistische Wucht dieser Inszenierung, der nur auf den allerersten Blick einige konventionelle Züge anhaften mögen.

Aus dem Orchestergraben tönt ein schlanker, differenzierter Klang, dem französischen Dirigenten Benjamin Pionnier gelingen weite Spannungsbögen, nie werden die Sänger branchenüblich zugedeckt, manchmal hätte man sich jedoch leidenschaftlicher flackerndes iberisches Brio gewünscht.

Sehr kultiviert agierten Holz- und Blechbläser, Balance und Klangmischungen innerhalb des Orchesters funktionierten reibungslos und geschmeidig. Wie das Leading Team stammt Marie Kalinine aus Frankreich (alle Protagonisten sind in Marburg als Gäste engagiert), als attraktive Carmen ist sie eine erotisch präsente, an keiner Stelle outrierte Bühnenerscheinung und verfügt über einen sinnlich timbrierten, farbenreichen Mezzo, dessen vitale Kraft durch den ganzen Abend trägt. Andreja Z.Krt verströmt als schüchternes Landmädchen Micaëla einen hellen, feminin strömenden Sopran, der allerdings in den Höhen noch etwas wackelt, als Torero-Macho kämpft Marko Kalajanovi nur zum Teil erfolgreich mit den gefürchteten Anforderungen der Escamillo-Partie. Die Glanzleistung des Abends bot freilich Jean-Pierre Furlan als Don José, der an seinen Leidenschaften und seiner Sensibilität zerbricht. Virile Mittellage und metallisch strahlende Höhen vereinen sich zum überaus stimmigen Charakterporträt, wobei sich Furlan nicht mit vokaler Schönheit begnügt, sondern vor allem in der Rosenarie der verzweifelten inneren Brüchigkeit des Deserteurs nicht nur darstellerisch, sondern auch durch expressiven Deklamationsgesang scharfkantiges Profil verleiht.

Tadellos und präzis agieren Chor und Kinderchor des Hauses in Maribor, das sich mit dieser Produktion auch österreichischen Opernfreunden für einen Besuch nachhaltig empfiehlt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2013)

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