Pariser Oper: Hommage an die trotzige Kinderseele

07.02.2013 | 16:35 |  Von Wilhelm Sinkovicz (Die Presse)

An der Seine ehrt man den Wiener Meisterkomponisten Alexander von Zemlinsky gleich an zwei Orten. Im Palais Garnier spielt man Zemlinskys „Zwerg“, das Orchestre de Paris musiziert die Tondichtung „Die Seejungfrau“.

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Es ist ein wenig merkwürdig, dass man nach Paris fahren muss, um diese Produktion zu sehen, sollte sie doch – zumindest zur Hälfte – eine wienerische Angelegenheit sein. Im Palais Garnier spielt man Alexander von Zemlinskys „Zwerg“ nach Oscar Wildes „Geburtstag der Infantin“. Parallel dazu musiziert außerdem das Orchestre de Paris die Tondichtung „Die Seejungfrau“ – und Orchester-Intendant Didier de Cottignies, der als Schallplattenproduzent einst die erste Aufnahme dieses Werks herausgebracht hat, ärgert sich, dass jüngst aufgefundene Partiturteile der „Seejungfrau“ nicht schon in diese Pariser Wiedergabe eingebunden werden konnten.

Zemlinsky also an der Seine. Die Koppelung des „Zwergs“ mit Maurice Ravels „L'enfant et les sortilèges“ ergibt eine Art Hommage an die trotzige Kinderseele: Bei Ravel gehen Kaffeetassen zu Bruch, werden Tapeten zerfetzt und Eichkätzchenpfoten verwundet. Bei Wilde zerbricht ein verkrüppelter Mensch, der zum Spielball der Launen einer Königstochter wurde, an der Wahrheit, die er – zu spät, um sie ertragen zu können – im Spiegel erkennt.

Ravel hat Colettes Zauberspiel von den lebendig werdenden Opfern kindlicher Reißteufel-Wut liebevoll in ein musikhistorisches Vexierspiel voll Poesie verwandelt, eine Spielerei. Zemlinsky aber schuf ein anrührendes symphonisch verdichtetes Seelengemälde, das zu den stärksten Musiktheaterwerken der Moderne gehört. Kühn in der Klangfantasie, doch durchwegs „tonal“, spiegelt „Der Zwerg“ Wonnen und Abgründe einer getäuschten Seele.

Die Inszenierung von Richard Jones und Anthony McDonald lässt in dezenter Modernisierung Bezüge zum berühmten Velazquez-Gemälde deutlich werden und erweckt dessen Figuren detailversessen zum Leben. Der Zwerg erscheint in doppelter Gestalt: Charles Workman, eleganter Gast auf dem Geburtstagsfest der Infantin, führt eine Marionette des Komponisten – und erleidet mit dieser alle Demütigungen.

Des Komponisten eigene Geschichte

So verschmilzt Zemlinskys eigene Geschichte mit jener, die Wilde erzählt: Alma Schindler, später Frau Mahler, Gropius und Werfel, war des Komponisten angebetete Schülerin, bezeichnete ihn jedoch als zwar intellektuell faszinierend, aber hässlich. Der Zwischenvorhang in der Pariser Oper stellt dem Trio Zemlinsky-Alma-Wilde beziehungsvoll Ravel, dessen Mama und Textdichterin Colette gegenüber – und knüpft so psychologische Bande zum zweiten Teil des Abends, der nicht minder tiefgründige Assoziationen zulässt, was die höchst fantasievolle, wie einem Bilderbuch entnommene Szenerie effektvoll deutlich macht. – Bei Ravel fallen vokale Mängel dieser Aufführung nicht so stark ins Gewicht wie bei Zemlinsky. Für die dezent verschleierten Emotionen braucht es nicht die vielschichtig-expressive Vokalkraft, die man im „Zwerg“ bei manchen Darstellern vermisst.

Nicola Beller Carbone gibt der Infantin immerhin wimpernklimpernd die rechte pseudonaive Püppchenbrutalität: Ihre spielerische Vergnügungssucht geht ungerührt über Leichen, während die hingebungsvolle Amme der Béatrice Uria-Monzon mitfühlend am Schicksal des tenoral doch ein wenig überforderten Titel-Antihelden verzweifelt.

Ravels lebendig werdendes Kinderzimmer-Interieur schlägt sich insgesamt tapfer gegen alle geforderten Kurzstrecken-Vokalsprints. Gaëlle Méchally, zunächst zornig-destruktiv, flüstert zuletzt sein geläutertes „Maman“ – es ist vor allem das Orchester, das diesen Abend auch akustisch dem bilderreichen szenischen Erlebnis annähert. Musiziert wird farbenfroh und mit sattem Klang. Dirigent Paul Daniels führt alle Beteiligten sicher über all die vielen Klippen.

Ravel vor allem ließe sich subtiler spielen, jener Ästhetik der „Nebennote“ verpflichtet, die Hans H. Stuckenschmidt bei diesem Komponisten so schön konstatiert hat – in diesem Fall hieße das, man sollte so behutsam agieren als würde sich die Musik im Nebenzimmer ereignen und im Saal nur mit zusätzlichen Klangtupfen verziert.

Immerhin. Die Franzosen spielen ihr Ravel-Kleinod und finanzieren als Zugabe den Ehrensold für einen Wiener Meister. „Der Zwerg“ sollte längst ein Wiener Repertoire-Stück sein. In Paris kann man ihn sehen.

Reprisen: 9., 11., 13. Februar
www.operadeparis.fr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2013)

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