„Idomeneo“: Tragik ohne Seele

08.02.2013 | 18:23 |  HARALD HASLMAYR (Die Presse)

Die Neuproduktion von Mozarts Dramma per Musica unter Alexander Soddy am Klagenfurter Stadttheater hinterlässt überaus zwiespältige Eindrücke.

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Mit Spannung sah man nicht nur am Klagenfurter Stadttheater dem ersten Auftreten des designierten britischen Chefdirigenten Alexander Soddy entgegen – und konnte das aufregendste und zugleich zwiespältigste (Mozart-)Dirigat seit langen Jahren an diesem Haus erleben. Soddy hat akribisch geprobt, fächert den immensen Reichtum von Mozarts rhetorischem Kosmos kundig auf, erzielt in den Chorszenen erschütternde Wirkungen, baut beeindruckende Spannungscrescendi auf und scheut gottlob nicht vor überlegten Kürzungen der gewählten Münchner Fassung zurück. Wohl deshalb wachsen Chor und Extrachor über sich hinaus, ohne jemals zu schleppen oder zu retardieren, vermögen die Sänger und Sängerinnen eindrucksvoll zu verdeutlichen, welch fatalistisch-tragischer Sog von einem griechischen Tragödienchor selbst in der Oper auszugehen vermag.

Was hingegen die lyrischen, „beseelten“ Passagen betrifft, wird dem österreichischen Mozart-Freund frostig ums Herz: keine Spur von spontanen Rubati oder Ritardandi, alles wird mit der Regelmäßigkeit einer Nähmaschine musikpolitisch korrekt abgespult. Über verinnerlichte Stellen wird glatt hinweggespielt, und immer wieder ertönt jener strohig-aride, klanglich vollkommen ausgedünnte Müsli-Mozart-Sound, den man heute gern „historisch informiert“ nennt und der an das Brechen eines Knäckebrotes erinnert, ganz in der schnoddrigen Unart britischer „Originalklang“-Ensembles. Eine Kampfansage gegenüber jenem natürlichen Fluss der Musik also, von dem freilich noch immer der tiefe Trost und das heute so verpönte Mozart-„Glück“ ausgehen, und von denen man aber einfach nicht lassen will.

 

Sinnliche Präsenz des Liebespaares

Auf der Bühne dominiert der Prachttenor von Lothar Odinius als koloraturenfirmer Idomeneo, Elettra (Sofia Soloviy) steigert sich kontinuierlich, bis sie in ihrer letzten rasenden Eifersuchtsarie zu erschütternder Höchstform aufläuft. Das Liebespaar über ethnische Grenzen hinweg – Jurgita Adamonytė gibt einen stimmschönen, nuancenreichen Idamante, Evgeniya Sotnikova eine lyrische und dennoch doch leidensfähige Ilia – vermag den ganzen Abend durch seine sinnliche Präsenz zu prägen.

In den atmosphärisch vollends unterkühlten, meist einfach zeitgenössisch-hässlichen Bühnenbildern von Rune Guneriussen entscheidet sich Regisseur Árpád Schilling dafür, alle Szenen bis auf jene des Chores vor dem Vorhang spielen zu lassen, was, besonders in den sterilen Kostümen, zu gähnender Langeweile führt. Offenbar verfolgt Schilling eine spätaufklärerische Regie-Weltverbesserungsmission nach dem Motto: „Verlassen wir Menschen uns doch bitte endlich nicht mehr auf Götter, Opfer und Orakel, die Geschichte sind wir selbst, also gestalten wir sie auch gefälligst selbst!“

Naiver, abgenutzter, unpoetischer, weil diametral gegen den Geist von Mozarts Musik könnte das alles nicht sein, und wenn die „Stimme“ aus dem Jenseits in einen Pullover gewandet aus einer Loge her erklingt, wird es im Zuschauerraum auf wundersame Weise hell, denn es ist ja „einer von uns“, der die befreiende Lösung herbeiführt, dass wir es nur ja alle kapieren! Ein Blick in die Partitur hätte, nebenbei bemerkt, genügen müssen, um die entscheidende Rolle des Meeres in dieser Oper zu erkennen, aber es gibt keine Elementarspur von Wellen und Wasser, alles bleibt trocken und dürr. So kopflastig können Regie-„Konzepte“ sein.

Schade um einen musikalisch jedenfalls aufwühlenden Abend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)

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1 Kommentare

Danke!

Sehr geehrter Herr Haslmayr,

vielen Dank für diese so erbauliche und treffend formulierte Kritik, die wohl so manchem Leser aus dem Herzen sprechen wird!



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